Als der Elektroingenieur Camillo Olivetti, Sohn einer alten jüdischen Landwirtsfamilie aus Ivrea, im Jahre 1908 mit der Herstellung der ersten serienmäßig gebauten Schreibmaschinen Italiens begann, schüttelten die Fachleute die Köpfe. Fünfzig Jahre zuvor hatte der Advokat Ravizza im nahen Novara einen hölzernen „Schreibapparat“ konstruiert, den er poetisch Cembalo Scrivano nannte. Es war ein schon bei seiner Entstehung rührendes Museumsstück. Seitdem hielt man es für ein absurdes Wagnis, in einem Lande Schreibmaschinen zu bauen, desssen Bürovorsteher schon die neuen Stahlfedern ihrer Federhalter für eine suspekte, modische Spielerei hielten.

1911 kam die erste Olivettimaschine auf den Markt. Camillo notierte: „Eine Schreibmaschine muß in ihrem Aussehen Ernst und Eleganz verbinden.“ Mit diesem Satz war schon in den Pioniertagen der Ton angegeben, der noch heute den Firmenstil bestimmt.

Auch das nicht nur in Italien einzigartige Betriebsklima der Olivetti hat seine Wurzeln in diesen Anfangszeiten, in denen die Bewohner Ivreas und seiner ländlichen Umgebung, dem Canavese, begriffen, daß ihr steigender Wohlstand untrennbar mit „ihrer“ Olivetti verbunden war. Auch heute noch rekrutieren sich 90 Prozent der 1500 Fabrikangehörigen (davon etwa 34 Prozent Frauen) aus dem Canavese. Menschen bäuerlicher Herkunft und Traditionen, die die Gefahren und Ansprüche des Industrieproletariats nicht kennen und dafür sorgen, daß diese hochtechnische Organisation etwas von der patriarchalischen Menschlichkeit eines – freilich ins Gigantische vergrößerten – Handwerksbetriebs behalten hat. Das Wort patriarchalisch hätten Camillo und Adriano Olivetti entrüstet gestrichen. Denn es klingt nach väterlicher Fürsorge, nach Güte und Gnade. Sie aber hielten nichts von gnädig gewährten Privilegien, sie glaubten an das Recht der Arbeiter auf gute Bezahlung, auf jede Form sozialer Betreuung und auf ein Betriebsklima, das das notwendige Übel, mechanische Arbeit an Maschinen verrichten zu müssen, so weit wie möglich erleichtere.

Als nach dem Ersten Weltkrieg die Wirtschaft ganz Europas von Krisen und Gewerkschaftsforderungen erschüttert wurde, bestand die Olivetti die erste Probe ihrer moralischen Kraft: Während andere Fabriken lahmgelegt wurden, wußte man in Ivrea, daß niemand die Interessen der Arbeiter besser vertreten würde, als der allgemein verehrte „Ingegnere“. Während der jüngsten Streikwelle der italienischen Syndikate boten die Olivettifabriken im ganzen Land ein ähnliches Bild.

Aus der persönlichen Fürsorge Camillos für seine Arbeiter, die viele heute selbstverständlich gewordene Spezialleistungen vorwegnahm (so gründete er schon im Jahre 1909 eine Betriebskrankenkasse), wurde unter der Leitung seines 1901 geborenen Sohnes Adriano ein methodisch entwickeltes System, das vom Kindergarten und der Mütterfürsorge über die Begabtenförderung bis zur kulturellen Betreuung der Betriebsangehörigen zu einem Vorbild nicht nur in Italien wurde.

Man kann die Besonderheit des Olivetti-Stils nicht zu deuten versuchen, ohne zuvor diese humane Basis zu erwähnen, aus der er wuchs. Denn in diesem Industrieunternehmen, das auf „public relations“ verzichtet, weil, wie Adriano es einmal ausdrückte, „wir alle, vom Portier bis zum Präsidenten Public-relation-Leute sind, denn wir alle sind ein Teil des äußeren Bildes des Unternehmens“, ist der Mensch das Maß der Dinge geblieben – auch wenn er ein Elektronengehirn bedient.

Mit seiner Ernennung zum Generaldirektor der Gesellschaft im Jahre 1934 bekam Adriano Olivetti die Möglichkeit, seine zu jener Zeit revolutionären Visionen einer Verbindung von Kunst und Technik zu verwirklichen.