Erwin Behrens: Tagebuch aus Moskau; Christian Wegner Verlag, Hamburg; 227 Seiten, 9,80 DM.

Johann Gustav Droysen stellte einmal fest: „Es ist um vieles leichter, ein Urteil zu formulieren, als den Tatbestand festzustellen.“ Im Unterschied zu vielen Kreml-Astrologen ist dieser Satz für die Moskauer Korrespondenten des Westens seit langem meist ein stillschweigendes Gebot, bei ihrer Berichterstattung stets auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Auch seit Aufhebung der offiziellen Zensur vor drei Jahren sind der journalistischen Wahrheitsfindung im Sowjetland Grenzen gesetzt, und dem Fabulierer droht die Ausweisung. So hat, wer aus Moskau berichten soll, aus der Not eine Tugend zu machen: den Spielraum des Feststellbaren weidlich auszunutzen und sich aller – negativen – Voraussagen zu enthalten.

Bei den Berichten von Erwin Behrens, dem Moskauer Korrespondenten der westdeutschen Rundfunkanstalten, hat man jedoch den Eindruck, daß ihm sachliches Recherchieren unter Einschluß der historischen Hintergründe ebenso selbstverständlich wie spekulative Vielwisserei fremd ist. In seinem markigen Baß, Millionen Hörern vertraut, hat er fünf Jahre lang die innersowjetische Entwicklung kommentiert, man möchte sagen, entscheidende Jahre, wenn dies nicht alle seit dem Roten Oktober 1917 gewesen wären. Ein Resümee seiner Moskauer Zeit, bevor er für die bundesdeutschen Sender unter einem anderen Blickwinkel in Hongkong arbeiten wird, liegt in diesem Buch vor, das aus den Funkmanuskripten zusammengestellt wurde. Es umfaßt die Zeit vom Herbst 1961 bis zum Januar dieses Jahres; es enthält als erste Eintragung einen Bericht über das Auftreten Jewtuschenkos und schließt mit einigen wenigen suggestiven Zeilen über einen Heiligabend in der Moskauer Jelochowskij-Kathedrale. Dazwischen liegen der XXII. Parteikongreß, gemeinhin unter dem Etikett „zweiter Tod Stalins“ subsummiert, der kubanische Konflikt, der Beginn der Auseinandersetzung zwischen Peking und Moskau und der Kampf mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Sowjetunion.

Behrens bringt Belege dafür, daß die Distanzierung vom Stalinismus in der Sowjetunion bis dort geht, wo man anerkennen muß, daß der Diktator als der brutale Schöpfer der Machtgrundlage für die „kollektive Führung“ von heute anerkannt werden muß. (Die Industrialisierung und der Sieg im Zweiten Weltkrieg haben dabei eine bedeutende Rolle gespielt.) Der von Chruschtschow wieder installierte Parteiabsolutismus Leninscher Konzeption erforderte diese kollektive Diktatur. Sie ist im Idealfall so zu verstehen, daß das Parteipräsidium, das die oberste organisatorische Instanz darstellt, an der Willensbildung des Ersten Parteisekretärs im Sinne der Mitverantwortung und Mitwirkung beteiligt ist. Auch dafür, daß die Partei nicht immer die Richtung einschlägt, die Chruschtschow zunächst ansteuert, finden sich bei Behrens Beweise, der damit die Vorstellungen so mancher korrigiert, die in Chruschtschow immer noch eine Art gemäßigten Stalin sehen.

Die Hauptforderung der Ideologie heißt jedoch für Chruschtschow nicht anders als für Stalin und Lenin: die revolutionäre Veränderung der bestehenden Gesellschaftsordnungen. Wie seine Vorgänger möchte auch Chruschtschow eine hochtechnisierte Sowjetunion schaffen, ohne die er dem Kommunismus keine Chancen gibt. Nichts spricht dafür, daß er diesen Plan durch Radikalismus oder unnötige Kriegsrisiken gefährden will.

Behrens registriert ebenso leidenschaftslos im Ton das Verhältnis Moskau–Bonn. Wie man auch immer zu der Person des einstigen Botschafters Dr. Kroll stehen mag, es steht fest, daß es seit seinem Amtsantritt 1958 keinen Diplomaten der Bundesrepublik gab, der öfter mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten sprach als er. Behrens läßt keinen Zweifel daran, daß er sich Krolls Ansicht zu eigen machte, Voraussetzung für eine Regelung der deutschen Frage sei eine Atmosphäre des Vertrauens zur Sowjetunion. Und er zitiert einige der auf Anweisung Adenauers von Kroll unterbreiteten Vorschläge, die, der Öffentlichkeit kaum bekannt geworden, in Bonner Aktenschränken ruhen. Günther Specovius