Mit den von der Bundesregierung angestrebten Zollsenkungen wurde die Börse unmittelbar vor dem Pfingstfest von einer großen Sorge befreit Von Bonn war Schlimmeres erwartet worden. Die Senkung der Zölle gilt als eine "milde" Form der Konjunkturbeeinflussung. Sie wird den wirtschaftlichen Aufschwung nicht beenden – das war die ziemlich übereinstimmende Meinung der Börsenexperten, die in Wahrheit natürlich nicht den Aufschwung der Wirtschaft, sondern den Anstieg der Aktienkurse meinten. Wenn auch in Sachen Konjunkturpolitik nicht aller Tage Abend ist, so hat der Kapitalmarkt jedoch Zeit gewonnen. Und das ist in dieser Situation wichtig. Die deutsche Industrie steht vor schwierigen Finanzierungsproblemen; für ihre umfangreichen Investitionsvorhaben braucht sie viel Geld. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine Gesellschaft mit Kapitalerhöhungswünschen an die Öffentlichkeit tritt. Schon heute kann als sicher gelten, daß der bisherige Aktionärskreis das geforderte neue Kapital nicht aufbringen kann. Neue Schichten müssen gewonnen werden. Ein Weg führt über die Wandelanleihen, wie sie Siemens kürzlich placiert hat und wie sie die BASF und Demag planen.

Auf der BASF-Hauptversammlung ist an den "harten" Bedingungen der Wandelanleihe Kritik geübt worden. Aus den Argumenten der klagenden Aktionäre war zu erkennen, daß vielfach einfach nicht begriffen worden ist, wie sich die Zeiten gewandelt haben. Die Perioden der sogenannten Bezugsrechtsgeschenke sind vorüber. Nach den Löhnen und Gehältern ist das Kapital zu einem wichtigen Kostenfaktor geworden, das so billig wie möglich "eingekauft" werden muß. Der neue Typ der Wandelanleihe ist so ein billiger Weg. Mit ihr wird aber noch ein anderer Zweck verfolgt. Sie soll nämlich weniger die bisherigen Aktionäre ansprechen, als eine neue Sparerschicht langsam an die Aktie heranführen. Stattet man nun aber die Wandelanleihe "günstig" aus, so erhöht sich automatisch ihr Bezugsrechtwert. Die Folge wäre, daß der neu zu gewinnende Sparer schließlich für die Wandelanleihe einen Preis bezahlen müßte, der ciese Wertpapiergattung renditemäßig uninteressant macht. Die Siemens-Wandelanleihe stellte sich für den Nicht-Siemens-Aktionär auf 120 bis 122 Prozent, bei einem Zinsfuß von 5 1/2 Prozent beträgt dann die Rendite nur noch knapp 4,6 Prozent. Das hat viele Interessenten abgestoßen.

Bei der BASF-Wandelanleihe scheint die "Gefahr" einer Überteuerung geringer zu sein. Auch bei der Demag wird der Sparer in Wandelanleihen billiger an die 5 1/2prozentigen Papiere herankommen. Wenn Banken und Industrie mit ihren Bemühungen Erfolg haben, den privaten Sparer näher an den Aktienmarkt heranzuführen, dann wird dies zu Lasten des Rentenmarktes gehen. Man hofft jedoch, daß der Markt der festverzinslichen Papiere "Nachschub" aus Kreisen der Kontensparer erhält, von denen viele jetzt so "groß" geworden sind, daß ein Verbleib der Gelder auf den Sparbüchern bei ihnen schon mehr als eine Gedankenlosigkeit darstellen würde.

Der Rentenmarkt selbst ist noch immer labil, wenngleich die neue Bundesanleihe einen besseren Absatz gefunden hat, als zunächst befürchtet worden war. Gut gegangen sind die Anleihen der Stadt München und der Deutschen Erdöl AG. Das Ausland hält sich begreiflicherweise zurück, ja der Rückstrom festverzinslicher Papiere aus dem Ausland hält an. Aber damit mußten die Verantwortlichen ja rechnen, als sie die 25prozentige Kapitalertragsteuer auf den Rentenbesitz "Gebietsfremder" einführten. Wenn man jetzt so überrascht über die harte Reaktion des Auslandes tut, so spricht dies nicht für die Weitsicht der Initiatoren der Steuerlösung, die doch im Grunde froh sein müßten über jedes Anleihestück, das vom Ausland zurückgegeben wird. Aber das Gegenteil ist der Fall. Inzwischen weiß man nur zu genau, daß die Bundesrepublik ohne neues Auslandskapital schwerlich auskommen wird. Es sei denn, die öffentliche Hand würde darauf verzichten, den Kapitalmarkt mit Milliardenbeträgen in Anspruch zu nehmen. Aber ihr fällt das Maßhalten am schwersten.

An der Börse hofft man jetzt, daß der Bundestag sich viel Zeit mit der Beratung der 25prozentigen Kapitalertragsteuer lassen und schließlich noch einiges an dem Gesetzentwurf der Bundesregierung ändern wird. Die Aussichten, daß die kleine Gruppe von Abgeordneten, die mit dem Entwurf nicht einverstanden sind, eine Mehrheit finden wird, dürften jedoch nicht überschätzt werden. Schließlich stehen hier keine Wählerstimmen auf dem Spiel, für die es sich lohnen würde, auf die Barrikaden zu gehen.

Kapitalwünsche der Industie und der öffentlichen Hand sowie der Vertrauensschwund der ausländischen Anleger sind die Faktoren, die einem weiteren raschen Aufschwung der deutschen Aktienkurse entgegenstehen. Drei Schritte vor und zwei zurück, das ist nach Meinung der Börsianer das Tempo, mit dem wir in den nächsten Monaten auf dem Aktienmarkt zu rechnen haben werden. Die Banken müssen bemüht bleiben, das Emissionsklima zu pflegen, wenn sie die Millionenbeträge junger Aktien in ihrer Kundschaft placieren wollen. In dieser Hinsicht leisteten die drei Unternehmen der Großchemie einen wertvollen Beitrag, als sie auf ihren Hauptversammlungen einen ungewöhnlichen Optimismus ausstrahlten und damit die Börsenauffassung bestätigten, daß die Chemie weiterhin zu den Industriezweigen mit überdurchschnittlichen Zuwachsraten zählen wird. Der Erfolg der Hauptversammlungs-Berichterstattung zeigte sich schnell, denn die Nachfrage nach Chemie-Aktien stieg wieder, teilweise kamen die Kaufaufträge auch aus dem Ausland, wobei natürlich immer offenbleiben muß, inwieweit es sich um Orders handelt, die in deutschem Auftrag über die Schweiz geleitet werden.

Die Erdgasfavoriten haben bislang nur wenig von ihrem Glanz eingebüßt, allerdings konnten auch sie sich der zeitweise schwächeren Tendenz nicht ganz entziehen. Am Montanmarkt ist nach den Dividendenentscheidungen von Mannesmann und Rheinstahl Ruhe eingekehrt. Banken machten die Auf- und Abwärtsbewegungen der Kurse getreulich mit, besondere Anregungen werden von diesen Papieren in nächster Zeit nicht ausgehen. VW-Aktien haben nach Bekanntgabe der Dividendenerhöhung etwa 30 Punkte eingebüßt, im Gegensatz dazu stieg der NSU-Kurs nach dem Vorschlag, die Dividende auf 10 (8) Prozent heraufzusetzen, von 700 auf 750 Prozent. Bei der Suche nach einer Erklärung für diese Unlogik stößt man immer wieder auf die Version, daß es bei NSU einen Großaktionär in spe gibt, der das Unternehmen eines Tages zu schlucken hofft. Über lange Jahre hatte die Dresdner Bank bei NSU den maßgeblichen Einfluß; als jedoch der NSU-Kurs während der zurückliegenden Hausse-Jahre Phantasie-(Wankel-)Kurse erreichte, hat die Bank sich geschickt über die Börse von dem größten Teil ihrer Papiere zu trennen gewußt. Kurt Wendt