Zwischen Traum und Wirklichkeit

Von Theo Sommer

Es war im Thüringischen. Ich hatte den Mann gerade erst kennengelernt, aber er erzählte frisch von der Leber weg. „Sie müßten sich mal in den Zug nach Gera setzen, wenn die Parteisekretäre dort Sitzung haben. Die klucken zusammen in den Abteilen und reden in einer Sprache, die der normale Mensch gar nicht mehr versteht. Die leben ja alle in einer Welt für sich ...“ Nach zehn Tagen in der DDR wußte ich, was der Mann gemeint hatte. Die Partei lebt in der Tat in einer Welt für sich, sie denkt ihre eigenen Gedanken, sie spricht eine eigene Sprache.

„Die Partei“ indes – das heißt nicht die ganze Partei. Im Januar 1963 hatte die SED 1 652 085 eingeschriebene Mitglieder und Kandidaten. Das können gar nicht alles „Träger der Idee“ sein, Aktive, Überzeugte. In ihrem neuen Statut definiert sich die SED zwar als „der bewußte und organisierte Vortrupp der deutschen Arbeiterklasse“. Doch 1,6 Millionen sind kein Vortrupp mehr, sondern ein Heerhaufe. Da schließt sich zwangsläufig vieles an: Mitläufer, die ihre Ruhe haben wollen, „Karrieristen“ und kleinbürgerliche „Opportunisten“. Kein Wunder, daß die SED dauernd die „weitere ideologisch-politische Festigung der Parteireihen“ beschwört. Manch ein SED-Mitglied entpuppt sich denn auch im Gespräch als biederer Bürger, bloß daß er eben das Parteiabzeichen im Knopfloch trägt, und die meisten gehören wohl zur „Bevölkerung“, nicht zur „Führung“. Die eigentliche Herrschaftsschicht der Funktionäre ist dünn. Nur diese Minderheit jedoch lebt in der separaten Welt.

Diese Welt der „Kader“ ist kein Schlaraffenland. Die Disziplin ist strikt, der Parteiauftrag eine Angelegenheit, die nicht nach jedermanns Geschmack ist. Es gehört schon ein guter Schuß Idealismus dazu, sich ohne Widerrede auf jeden Posten schicken zu lassen, den einem die Führung zudenkt, zu einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in der Lausitz oder ins graue Industriegebiet bei Bitterfeld – wie die Partei es befiehlt. Und Idealismus, ich kann es nicht leugnen, habe ich auf unserer Reise viel getroffen, bei jungen Funktionären, die von ihrer Hoffnung auf die Zukunft leben, denen kein Parteiauftrag die Laune verderben kann; bei Wirtschaftsdirektoren, die mit begeisterter Gläubigkeit, allen Widrigkeiten zum Trotz, nur für eines leben: den Plan; bei Schauspielern auch, bei jungen Schriftstellern und Beamten.

Westlich der Elbe ist es unüblich einzuräumen, daß Freiwilligkeit, daß enthusiastischer Schwung drüben häufig die entscheidende Triebfeder sind. Dennoch, warum es verschweigen? Es war schließlich die verblüffendste Erfahrung unserer DDR-Fahrt, eine Erkenntnis, die mir jedenfalls am meisten zu schaffen gemacht hat: daß drüben soviel Lauterkeit am Werke ist, soviel Hingabe, soviel unbezweifelbar moralisches Wollen. Alles wäre viel einfacher zu verstehen, wenn die Funktionäre Messer zwischen den Zähnen trügen.

Östlich der Elbe hinwiederum ist es unüblich, etwas anderes einzuräumen: Welche Erinnerungen das heraufbeschwört. Dennoch, warum es verschweigen? Seit 1945 hat mich nichts mehr so sehr an die versunkene braune Epoche denken lassen. Der Idealismus der Jungstammführer, ihr guter Wille inmitten aller Unbill, der Wille zu Anstand und Sauberkeit im Dienste einer Sache, die Anstand und Sauberkeit nicht lange zuließ – sie leben fort in der DDR. Schlimm nur, daß der Verdacht nicht abzuschütteln ist, es lebe zugleich der Mißbrauch des Idealismus fort – wie stets, wenn eine „Sache“ über alles gestellt wird. Welche Einengung des Denkens – meist sogar freiwillig! Welche Verkürzung der Perspektiven, welche Arroganz des Urteils!