Die Geschichte wurde mir von meinem Vater erzählt, welcher sie wiederum von seinem Vater gehört hatte, dessen Bruder selber dabei gewesen war; wäre es nicht so gewesen, dann hätte ich sie wahrscheinlich gar nicht geglaubt. Aber mein Vater war ein Mann von unbeugsamer Rechtschaffenheit, und ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln, daß diese Tugend damals in der Familie lag.

Die Ereignisse trugen sich zu im Jahre 189-, wie es in alten russischen Romanen heißt, in dem kleinen Städtchen B-. Mein Vater stammte aus einem deutschsprachigen Land, und als er sich in England niederließ, war er der erste aus der Familie, der weiter als ein paar Kilometer hinausging aus dem Heimatbezirk, der Provinz, dem Kanton oder wie immer man das dort nennen mochte. Er war ein Protestant, der an seine Religion glaubte, und es hat niemand eine größere, durch Skrupel und Zweifel ganz unbeeinträchtigte Glaubenskraft als ein Protestant dieses Typs. Er erlaubte meiner Mutter nicht einmal, uns Kindern Märchen vorzulesen, und er lief lieber fünf Kilometer zur übernächsten Kirche, statt in die nächste zu gehen, die ein abgeschlossenes Chorgestühl hatte. „Wir haben nichts zu verbergen“, sagte er dann. „Wenn ich schlafe, dann schlafe ich eben, soll die Welt die Schwachheit meines Fleisches ruhig sehen. In solchen Chorstühlen hingegen“, fügte er hinzu, und sein Gedanke beflügelte meine Phantasie und beeinflußte vielleicht sogar mein künftiges Verhalten, „in solchen Chorstühlen könnten sie sogar Karten spielen, ohne daß irgend jemand etwas davon merkte.“

Dieser Satz verbindet sich in meinem Gedächtnis mit dem anderen, mit dem er seine Geschichte zu beginnen pflegte: „Die Erbsünde“, so sagte er wohl, „hat den Menschen eine Neigung zur Heimlichkeit gegeben. Eine offene Sünde ist nur eine halbe Sünde, und eine heimliche Unschuld ist nur halb unschuldig. Wo es Heimlichkeiten gibt, dort gibt es, früher oder später, auch Sünde. Mir käme kein Freimaurer über die Türschwelle. Bei uns zu Hause waren Geheimverbindungen gegen das Gesetz, und der Gesetzgeber hatte recht. So unschuldig solche Verbindungen am Anfang auch sein mögen, wie jener Klub bei Schmidt.“

Es verhielt sich so, daß es unter den älteren Bürgern der Stadt, in der mein Vater lebte, ein Ehepaar gab, welches ich auch weiterhin Schmidt nennen möchte, da ich mir nicht sicher bin, wie das Gesetz dort Begriffe wie „Beleidigung“ oder „übler Nachruf“ definiert und welche Rücksichten es auch gegenüber Toten noch verlangt. Herr Schmidt war ein großer, kräftiger Mann, der gern trank. Am liebsten trank er zu Hause, zum Kummer seiner Frau, die selber keinen Tropfen Alkohol anrührte. Nicht daß sie ihres Mannes Trinkerfreuden hätte einschränken wollen; sie hatte ganz die richtigen Vorstellungen von den Pflichten einer Ehefrau, aber sie war andererseits in die Jahre gekommen (sie über sechzig und er weit über siebzig), wo jemand wie sie das tiefe Bedürfnis empfindet, in Ruhe da zu sitzen mit einer anderen Frau, irgend etwas zu stricken für die Enkelkinder und über deren neueste Krankheiten zu reden. So etwas kann man aber nicht ungestört tun, wenn da ein Mann ist, der immer wieder aufsteht und in den Keller geht, um sich noch ein Viertelchen zu holen. Es gibt eine Welt des Mannes und eine Welt der Frau, diese beiden Welten sind nur unter einem Bettlaken zur Deckung zu bringen und sonst nicht. Gar manches Mal hatte Frau Schmidt auf ihre sanfte Art versucht, ihn zu überreden, er möge doch ausgehen, ins Wirtshaus. „Was, um dort bei jedem Glase, das ich trinke, zuzuzahlen?“ antwortete er darauf jedesmal. Dann versuchte sie ihn zu überzeugen: was er brauche, das sei Männergesellschaft, Männerunterhaltung. „Nicht, wenn ich einen guten Wein trinke“, antwortete Herr Schmidt.

Schließlich ging sie mit all ihren Sorgen zu Frau Müller, die ganz das gleiche auszustehen hatte wie sie. Frau Müller war ein entschlossenerer Typ, sie nahm die Sache in die Hand. Sie fand vier andere Frauen, die sich nach weiblicher Gesellschaft mit weiblichen Interessen sehnten, und sie beschlossen, sich jede Woche einmal zu treffen mit ihren Näharbeiten und ihren Kaffee nach dem Abendessen gemeinsam zu trinken. Sie hatten, alle miteinander genommen, mehr als zwei Dutzend Enkelkinder, also kann man sich vorstellen, daß sie um Gesprächsthemen nie verlegen waren. Wenn ein Kind gerade die Windpocken überstanden hatte, hatten dafür mindestens zwei andere die Masern bekommen. Auch die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten wollten schließlich verglichen sein, und da gab es eine Richtung, welche nicht viel davon hielt, eine Erkältung durch Hunger zu vertreiben, sondern glaubte, „wer eine Erkältung aushungert, füttert ein Fieber heran“, während die andere Richtung sich zur traditionelleren Auffassung bekannte. Ihre Auseinandersetzungen waren jedoch niemals so erregt wie die mit ihren Männern, und sie übernahmen abwechselnd die Rolle der Gastgeberin, welche für Kaffee und Kuchen zu sorgen hatte.

Aber wie erging es nun während all dieser Zeit den Ehemännern? Man könnte meinen, sie wären es zufrieden gewesen, weiterhin still für sich allein einen zu trinken – keine Spur. Mit dem Trinken ist es ja wie mit dem Schmökern (mein Vater gebrauchte diesen Ausdruck verächtlich, er hatte sein ganzes Leben lang nie in einen Roman hineingeschaut): Man braucht dabei keine Unterhaltung, aber man braucht Gesellschaft, sonst kriegt man auf die Dauer ein Gefühl, als ob man arbeitete. Frau Müller hatte auch daran gedacht, und sie hatte daher ihrem Mann – so ganz nebenher, daß er es kaum merkte – nahegelegt, sich doch, wenn die Frauen woanders versammelt waren, die übrigen Männer, einzuladen. Jeder könnte dabei seine eigene Flasche mitbringen (also die Preisaufschläge in den Gastwirtschaften einsparen), und da könnten sie nun so schweigsam, wie sie nur wollten, vor ihren Gläsern sitzen, bis es Zeit wäre, ins Bett zu gehen. Natürlich würden sie nicht immerzu schweigen wollen. Dann und wann würde zweifellos einer irgendeine Bemerkung, vielleicht über das Wetter, machen; ein anderer würde fragen, ob es wohl eine gute Ernte geben werde, und ein dritter würde zu bedenken geben, daß der Sommer 188- doch der wärmste gewesen sei. Was halt Männer so reden, ohne jede Aufgeregtheit, solange keine Frauen dabei sind.

Aber irgendwo hatte der doch so schön ausgedachte Plan ein Loch, und durch dieses Loch kam das Unheil. Frau Müller brachte noch eine siebente Frau in ihr Kränzchen, eine Frau Pückler, deren Mann nicht am Trinken, sondern an seiner Neugier zugrundegehen sollte. Niemand konnte Frau Pücklers Mann leiden, und ehe die anderen Männer sich, wie geplant, des Abends freundschaftlich zusammensetzen konnten, mußte geklärt werden, was mit ihm geschehen sollte. Er war klein und sauertöpfisch, schielte, hatte eine Glatze, und sobald er in ein Lokal kam, ergriffen die anderen Gäste die Flucht. Seine Augen wirkten, wenn sie so zusammenkamen, wie ein Bohrer, und wenn er sich mit jemandem unterhielt, dann starrte er dem zehn Minuten lang ununterbrochen auf die Stirn, bis man Angst kriegte, da müßte nun jeden Augenblick Sägemehl herauskommen. Unglücklicherweise stand Frau Pückler in großem Ansehen. Es war daher ganz undenkbar, sie spüren zu lassen, daß ihr Gatte nicht willkommen sei. Deswegen mußten die Männer Frau Müllers Vorschlag einige Wochen lang zurückweisen. Es ginge ihnen ganz gut, behaupteten sie, während sie so zu Hause säßen, allein vor ihrem Glas. Sie meinten damit freilich, selbst Einsamkeit sei immer noch leichter zu ertragen als die Gesellschaft von Herrn Pückler. In Wirklichkeit war ihnen so elend zumute, daß sie, wenn ihre Frauen nach Hause kamen, oft schon in die Federn gekrochen waren und schliefen.