Die Finanzlage des Landes ist nicht schlecht“, erklärte Brasiliens neuer Finanzminister Otavio Gouveia de Bulhões kurz nach seinem Amtsantritt und fügte hinzu: „Sie ist miserabel.“

Das Militärregime hat mit der Macht auch eine phantastische Erbschaft übernommen. Brasiliens Auslandsschuld – die Bundesrepublik gehört ebenfalls zu den Gläubigern – beläuft sich auf 3,8 Milliarden Dollar, wovon 1,9 Milliarden 1964 und 1965 fällig wären. Das Defizit des Staatshaushaltes geht in die Trillionen – allerdings „nur“ Cruzeiros: die Landeswährung hat in den 31 Monaten der Regierung des Präsidenten Joao Goulart 83 Prozent ihres Wertes eingebüßt.

Es wäre jedoch falsch, Goulart allein dafür verantwortlich zu machen. Um das Einkommen von Arbeitern und Angestellten an die steigenden Lebenshaltungskosten anzugleichen, wurde schon 1940 ein amtlich festgesetzter Mindestlohn eingeführt. Er betrug in den fortgeschrittenen Bundesstaaten 220 Cruzeiros monatlich, in den minder und schlecht entwickelten entsprechend weniger. Seither stiegen die Preise unentwegt weiter, und der Mindestlohn mußte zwölfmal erhöht werden, insgesamt um 18 990 Prozent.

In den letzten drei Jahren begannen Löhne und Preise zu galoppieren: zwischen 1960 und 1963 stieg der monatliche Mindestlohn von 9440 auf 21 000 Cruzeiros, 1964 sogar um 100 Prozent auf 42 000 Cruzeiros (rund 150 DM). Der Lebenshaltungsindex des „Durchschnittsarbeiters“ erhöhte sich zugleich um 300 Prozent, wovon 90 Prozent allein auf die letzten zwölf Monate entfallen.

Natürlich ist kein Teil der Wirtschaft von dem Fieber verschont geblieben. In den ersten drei Monaten dieses Jahres stiegen die Preise für Baumaterialien um 33, Gußeisen um 77,4, manche Importartikel um mehr als 100 Prozent. Selbstverständlich werden die Preise aller anderen Waren mit vorwärtsgestoßen. Selbst der kleinste Ladenbesitzer fürchtet, eine Ware, die er heute dem Kunden verkauft, morgen beim Grossisten teurer wieder einkaufen zu müssen; aus Angst setzt er den Preis präventiv beträchtlich in die Höhe, und da es alle so machen – die großen Konzerne nicht ausgenommen –, ist kein Stillstand der rasenden Inflation abzusehen. Hinzu kommt, daß die Schattenwährung aller Inflationsländer, der Dollar, in jeder Kalkulation einen festen Platz einnahm und die Preise mitbestimmte.

Der Dollarkurs stieg in den letzten Tagen Goularts bis auf 2000 Cruzeiros. Inzwischen ist er, wohl um dem Prestige des neuen Militärregimes zu schmeicheln, auf 1220 Cruzeiros gesunken. Die Preise haben aber, von ganz geringen Ausnahmen abgesehen nicht um einen Centavo nachgegeben. Im Gegenteil, sie drängen unter gedämpftem Optimismus weiter in die Höhe. Der Sturz des Dollarkurses, der normalerweise eine Aufwertung des Cruzeiro wiederspiegeln würde, wird deshalb nicht ohne Mißtrauen und Zurückhaltung betrachtet.

Die Ursachen der „Umwertung“ auf dem schwarzen Devisenmarkt sind noch nicht klar; denn an der tatsächlichen finanziellen Situation Brasiliens hat sich seit der Revolution nichts geändert.