Zum zweiten Mal binnen zwei Monaten war der amerikanische Verteidigungsminister Robert McNamara letzte Woche in Vietnam. Dieses Mal trug er in Saigon vorsichtshalber eine kugelsichere Weste; ein Anschlag auf den Minister wurde mit knapper Not vereitelt.

Bei seiner Rückkehr nach Washington war McNamara düsterer Stimmung. „Kein Zweifel“, erklärte er, „die Kommunisten haben ihr Angriffstempo in den in den letzten Wochen forciert. Um ihnen wirksam entgegenzutreten, müßten die Vereinigten Staaten der Regierung in Saigon höhere Zuschüsse zahlen (zur Zeit 500 Millionen Dollar im Jahr) und möglicherweise auch das Korps der amerikanischen Berater in Vietnam verstärken (zur Zeit 15 500).

Im vorigen Jahr hatte der Pentagon-Chef davon gesprochen, bis Ende 1965 könnten die US-Truppen aus Vietnam abgezogen werden. Heute ist davon keine Rede mehr. „Was immer nottut, werden die Vereinigten Staaten tun – und solange es nottut“, sagte McNamara. Er fügte hinzu, er glaube noch immer an einen Sieg. Aber: „Der Krieg wird lang und hart sein.“

Dieser Eindruck verstärkte sich nach den neuesten Nachrichten aus Laos. Dort setzten die kommunistischen Rebellen zum Angriff gegen die neutralen und rechten Streitkräfte an. Über Pfingsten sollen sie fast die gesamte Hochebene der Tonkrüge besetzt haben. Noch ist nicht sicher, was hinter ihrer Offensive steht und wo sie haltmachen werden. Das Mächtegleichgewicht in Laos ist indessen sehr prekär. Ein Zerbrechen der 1962 mühsam gezimmerten laotischen Neutralität müßte die Großmächte erneut ins Spiel bringen. Schon wird in Washington erwogen, abermals Truppen nach Thailand zu entsenden.

In einer Sonderbotschaft an den Kongreß forderte Präsident Johnson Anfang dieser Woche zusätzliche Mittel für Vietnam: 70 Millionen Dollar für Wirtschaftshilfe, 55 Millionen für Militärhilfe. Mit diesen Geldern soll die Regierung Khan die Zivilverwaltung in den Provinzen ausbauen; zugleich soll der Militärapparat verstärkt und modernisiert werden.

Der amerikanische Appell an die NATO-Verbündeten, sich gleichfalls in Süd-Vietnam zu engagieren – wenigstens durch eine symbolische Beteiligung mit Ärzten, Technikern, Lehrern oder Ausbildern – fand bisher nur ein begrenztes Echo. Auch sind die Vorschläge für ein Eingreifen der Philippinen und der Taiwan-Chinesen noch nicht spruchreif.

Die Amerikaner tragen die vietnamesische Bürde weiterhin allein auf ihren Schultern. Die Last einfach abzuwerfen, können sie sich nicht leisten. Sie bleiben dabei: dem kommunistischen China muß die Ausdehnung nach Südostasien verwehrt werden.

In Washington ist jetzt eine neue Begründung für dieses Postulat zu hören. Nur wenn der chinesischen Expansion nach Süden ein Riegel vorgeschoben werde, könne sich das Reich der Mitte später einmal dem Norden zuwenden und Lebensraum in sowjetischen Gebieten suchen. Dann erst werde eine machtpolitische Rivalität zwischen den beiden kommunistischen Großmächten entstehen, die dem Westen auf Jahrzehnte hinaus den Frieden sichern könnte.