Ho., Bonn

Ein amerikanischer Journalist entlarvte ihr. als Spion Moskaus. Eine deutsche Hausfrau meldete: „Er war US-Agent.“ Beide Anzeigen kamen indes zu spät: Jack Edward Dunlap, Oberfeldwebel in der National Security Agency (Abwehr) liegt auf dem amerikanischen Ehrenfriedhof Arlington bei Washington. Unweit vom Grab des ermordeten amerikanischen Präsidenten Kennedy fand der Verräter und mit Tapferkeitsmedaillen dekorierte Koreakämpfer seine letzte Ruhestätte.

Lügendetektoren hatten in Dunlaps Charakterbild erstmals Unstimmigkeiten entdeckt, die seine Vorgesetzten mißtrauisch machten. Doch ehe sie die heiße Spur verfolgen konnte, machte Dunlap Schluß – er beging Selbstmord. Erst durch den amerikanischen Journalisten John Oberhauser erfuhr die amerikanische Öffentlichkeit von Moskaus Mann in Washington. Oberhauser hatte ermittelt, daß Dunlap den Sowjets seit 1958 Geheimnisse verkaufte, zu denen er ungehindert Zutritt hatte. Als die Bonner Hausfrau Annemarie Meksa unlängst solches las, wollte sie nicht länger schweigen: „Ich kenne Dunlap. Ich war mit ihm befreundet. Er war ein amerikanischer Agent in Deutschland.“

Amerikanischer Agent war Dunlap allerdings vor zwanzig Jahren, als die Nazis noch regierten. Und Frau Meksa kannte ihn unter anderem Namen. An einem regnerischen Herbstabend 1943 hatte er sich an die deutsche Offiziersfrau aus der schlesischen Garnisonstadt Kosel herangemacht und sich ihr als holländischer Fremdarbeiter namens Lambertus van der Schleus aus Utrecht ausgegeben. Ein Jahr dauerte die enge Bindung; dann setzte sich Lambertus ab. Seine Mission war erfüllt: Amerikanische Bomberflotten konnten mit seiner Hilfe gründliche Arbeit leisten.

Das Techtelmechtel mit Annemarie Meksa diente Lambertus van der Schleus nämlich zur Tarnung für ganz andere Dinge: Sein Auftrag war, den Amerikanern detaillierte Lagepläne und Skizzen über Munitionsdepots und über die bei Kosel und Heydebreck in Wäldern verborgenen Hermann-Göring-Werke zu liefern. Auf Grund dieser Pläne gelang es den US-Fliegern, eines der wichtigsten deutschen Benzin-Hydrierwerke mehrfach zu zerstören.

Annemarie Meksa erinnert sich: „Lambertus wußte immer genau, wann die Angriffe kamen. Er warnte uns, dann und dann nicht auszugehen, aber wir dachten uns nichts dabei. Manchmal kam er und holte mich zu einer Spazierfahrt ab, erwar nämlich Kraftfahrer. Als wir dann zurückkehrten, sahen wir die Bescherung: Kosel und Heydebreck hatten einen schweren Bombenangriff erlebt.“

Dennoch blieb die deutsche Offiziersfrau lange Zeit ahnungslos. Argwöhnisch wurde sie erst, als ihr eines Tages eine Skizze in die Hände fiel, auf der Freund Lambertus Bombenziele eingezeichnet hatte. Wenige Tage später wurden die markierten Stellen bombardiert.