Acht Tage war der jugoslawische Parlamentspräsident Edvard Kardelj mit einer Parlamentarier-Delegation in der DDR. Dieser Besuch sollte schon von seinem Vorgänger Stambolic im Herbst 1960, also vor dreieinhalb Jahren, absolviert werden. Aber die Beziehungen zwischen Ostberlin und Belgrad hatten sich damals verschlechtert – nicht zuletzt auch wegen eines Buches von Kardelj, das den Titel „Sozialismus und Krieg – Rückschau auf die chinesische Kritik der Koexistenzpolitik“ trägt und das nach seinem Erscheinen einer scharfen Kritik durch Ostberlin und Moskau ausgesetzt war.

In seinem Buch hatte Kardelj bereits vor vier Jahren vieles über die chinesischen Genossen gesagt, was Ulbricht heute lautstark gegen Mao Tse-tung ins Feld führt. 1960 aber war man in Ostberlin empört darüber, daß Kardelj behauptete, nach der chinesischen Theorie vom gerechten und ungerechten Krieg könne auch mit einem sozialistischen Land, das die Pekinger Ansichten nicht annimmt, mit Gewalt abgerechnet werden.

Ulbricht war es sicher nicht angenehm, daß er nun ausgerechnet Kardelj empfangen mußte, der ans seinem Herzen keine Mördergrube machte und in Ostberliner Rathaus vor der Eintragung ins Goldene Buch erklärte: „Unseren sozialistischen Lindern ist natürlich nicht daran gelegen, sich durch Mauern von anderen Ländern und Völkern abzutrennen.“ Das war deutlich genug. Aber Ulbricht konnte wohl auch kaum erwarten, daß Kardelj am Brandenburger Tor freundliche Worte über den Mauerbau in das Gästebuch des Stadtkommandanten eintrug.

Die Beziehungen zwischen Ostberlin und Belgrad haben sich in den letzten 12 Monaten dennoch spürbar gebessert. Zwar gibt es auf ideologischem Gebiet noch Meinungsverschiedenheiten, vor allem über die Rolle der Partei. Bereits 1952 Sitte Kardelj einmal prophezeit, daß die Zeit nicht mehr weit entfernt sei, wo das Einparteiensystem, nachdem es das Mehrparteiensystem verdrängt hat, nun seinerseits verschwinde. Während für Ulbricht die Vollmachten der Exekutive gar nicht groß genug sein können, hat Kardelj erst unlängst vor der neuen jugoslawischen Bundesversammlung erklärt, daß zu große Vollmacht der Exekutive zu einer Fessel des Sozialismus führen würde.

Ungefährlicher für Ulbricht war das Gespräch über wirtschaftliche Themen. Hier haben sich die Beziehungen zwischen der DDR und Jugoslawien gut entwickelt. In diesem Jahr wird sich der Warenaustausch auf 520 Millionen DM belaufen.

Mit einer etwas lückenhaften Biographie hatte das „Neue Deutschland“ den prominenten jugoslawischen Gast seinen Lesern vorgestellt. Da hieß es ganz schlicht, Kardelj sei „Verfasser zahlreicher Schriften über Probleme des sozialistischen Aufbaues in Jugoslawien und der internationalen Arbeiterbewegung“. Jedoch vermied es die SED, de bedeutendsten Titel seiner Schriften zu nennen, wozu sie allen Grund hatte. So trägt eine der interessantesten Arbeiten Kardeljs den Titel „Die sowjetische Friedensoffensive‘ im Lichte der jugoslawischen Erfahrungen“, in der sich der Autor 1953 eingehend mit dem mitteldeutschen Volksaufstand vom 17. Juni 1953 beschäftigte. Damals schrieb Kardelj: „In Berlin hat die herrschende Bürokratenkaste die rote Fahne der Oktoberrevolution endgültig in den Schmutz gezogen. Nicht der Sowjetsoldat, der unter ihr in die Arbeitermassen schoß, verteidigte in Berlin diese Fahne, sondern die Berliner Arbeiterklasse, als sie diese vom Brandenburger Tor herunterholte. Sie war dort kein Symbol der Oktoberrevolution mehr, sondern Symbol eines reaktionären antisozialistischen Despotentums, und nur die Hand eines Arbeiters hatte daher das Recht, sie von dort herabzuholen.“ Hans Lindemann