An den Ministern der Freien Demokraten ist die Wahlniederlage in Baden-Württemberg scheinbar spurlos vorübergegangen. Alle drei sitzen wieder im Kabinett, auch Justizminister Haußmann, der sein Landtagsmandat verloren hat. Ministerpräsident Kiesinger hat sich gegen jene Politiker in seiner Partei durchgesetzt, die glaubten, man könne der FDP diesmal den Brotkorb etwas hoher hängen, zwei Minister seien schließlich genug. Kiesinger konnte sich bei seiner Entscheidung auf die herrschende Meinung in der Bonner CDU-Spitze berufen. Auch Konrad Adenauer war der Ansicht, man sollte der FDP großzügig entgegenkommen.

Adenauer als Fürsprecher der FDP? Dieses erstaunliche Faktum stimmt mißtrauisch. Und tatsächlich ist das Entgegenkommen der CDU nicht einer neuerwachten Zuneigung für den oft zu unbequemen Koalitionspartner zuzuschreiben; es ist Ausdruck eines politischen Kalküls. „Die künftige gute Zusammenarbeit zwischen beiden Parteien im Bund und in den Ländern“ soll damit gesichert werden – eine Zusammenarbeit, die vor allem dann wichtig wird, wenn die CDU bei den nächsten Bundestagswahlen die absolute Mehrheit nicht erreicht und ohne die FDP keine Regierung bilden kann. Das Zugeständnis in Baden-Württemberg ist ein Wechsel auf die Zukunft in Bonn.

Die CDU hofft auf das Wohlyerhalten der Haußmann-Mannschaft in Baden-Württemberg. Aber gerade die alte Garde mit Haußmann an der Spitze hat in den Wahlen ein gut Teil ihres politischen. Kredits verspielt – insbesondere bei der jungen Generation in der Partei. Die Jungdemokraten werfen der alten Garde vor, sie verschleudere das liberale Erbe.

Mag auch die Spekulation der CDU falsch sein, eins haben die Christlichen Demokraten doch erreicht: Die Gegensätze in der FDP sind wieder neu aufgebrochen. Soll man versuchen, die FDP „in der Opposition aufzuwerten“, wie die Jungdemokraten vorschlugen; soll man sich auf jeden Fall mit dem großen Koalitionspartner arrangieren, wie es jetzt Haußmann praktiziert hat? Hinter diesem Streit um taktische Fragen stehen noch andere ungelöste Probleme: Wie ernst ist es der FDP damit, Volkspartei zu werden? Wie steht es mit der Deutschlandpolitik?

Die Wähler erwarten vom Duisburger Parteitag der FDP Antwort auf diese Fragen, eine klare Antwort und nicht bloß taktische Rezepte. Nicht nur in Baden-Württemberg steht das liberale Erbe auf dem Spiel. R. Z.