Von René Drommert

Unter den europäischen Ländern hat in diesem Jahr Spanien einen negativen Rekord erreicht: Es hat mit „La nina de luto“ („Das Mädchen in Trauer“) den Film präsentiert, der uns vom Thema her am gleichgültigsten läßt.

Wir beobachten etwas verwundert, wenn auch nicht ohne Mitgefühl, ein Fräulein, das, nach allen Regeln des Anstandes verlobt, eine ganze Zeit lang kein Rendezvous mit ihrem Geliebten haben darf, die guten Sitten verbieten es: denn ihr Großvater ist gestorben. Und es bedarf eines empörenden Affronts vom Verlobten, um die Angebetete dennoch auf wenige Augenblicke aus der strengen familiären Umklammerung herauszulocken oder ihr während des Gottesdienstes in der Kirche aufzulauern.

Der Film ist zwar weit davon entfernt, den antiquierten Sittenkodex, die Erstarrung des religiösen Lebens im Komment, die fatale Widernatürlichkeit sogenannter Moral zu preisen; er übt Kritik, und er tut es auf eine verständliche, drastische, groteske Weise. Zugleich aber sind wir doch verblüfft von den Zuständen, die durch den Angriff erkennbar werden: Sorgen haben diese Leute! Es scheint, als sei hier die Uhr stehengeblieben, sie zeigt (allenfalls noch) 19. Jahrhundert an, während man sich im übrigen Europa doch schon seit langem mit ganz anderen, uns will scheinen: wichtigeren und diffizileren Problemen herumschlägt.

Im allgemeinen ist der Film Weltkunst (womit zunächst seine Struktur und seine Wirkung bezeichnet sein sollen, nicht sein Rang), und ein Festival wie das in Cannes ist seinem Charakter und seiner Bestimmung nach vor allem ein Weltkunst-Festival. „La nina de luto“ hat dagegen mit Weltkunst nichts zu tun: Es ist nichts als ein (respektables) Stück interner nationaler Selbstprüfung und Richtigstellung.

Das Spanien, das uns dieser Film vorführt, ist von unserem Lebensgefühl und von unserer Weltanschauung viel weiter entfernt als etwa das Rußland vieler Filme aus den letzten Jahren. Ein guter Vergleich bietet sich auch an mit dem neuen Film „Tjischina“ („Die Stille“, nicht „Das Schweigen“, wie deutsche Berichterstatter vor Monaten aus Moskau irrtümlich gemeldet haben).

Zum Beispiel erleben wir in „Tjischina“ den Zusammenprall zweier Offiziere, die am letzten Weltkrieg teilgenommen haben, in einem Tanzlokal. Der eine von ihnen ist ein uniformierter, ordengeschmückter Hauptmann, dessen tatsächliche Verdienste im umgekehrten Verhältnis zur Großspurigkeit seines Auftretens stehen: Auf dem Schlachtfeld hatte er feige eine Artillerieeinheit verlorengegeben. Der andere, moralisch integre Offizier gerät nicht nur mit diesem Angeber in Streit (und ins Handgemenge), er hat im Laufe der Zeit mit der Gesellschaft immer wieder Konflikte – was nicht gegen ihn, sondern gegen diese Gesellschaft spricht.