Düsseldorf

Die acht Angeklagten, die in der vergangenen Woche vor der 7. Strafkammer des Düsseldorfer Landgerichts standen, waren nicht von dem Typ, den Richter einer Jugendkammer sonst gewohnt sind. Sie waren zwischen 19 und 22 Jahre alt, hatten offene und intelligente Gesichter und wollten ihr Recht haben. Im vergangenen Jahr waren sie wegen "Auflauf" nach Paragraph 116 des Strafgesetzbuches zu 50 und 100 Mark Geldstrafen verurteilt worden und hatten nun Revision eingelegt.

Es waren ein Soziologiestudent, drei Schüler, zwei Schriftsetzer, ein Bäcker und ein Mädchen, das als Maschinenbuchhalterin arbeitet. Unter ihnen waren zwei Brüder, einer davon noch minderjährig. Seine Rechte wurden von seinem besorgten Vater, einem Professor wahrgenommen.

Sie alle stammen aus "guten und geordneten Verhältnissen". Fast schien es so, als wundere sich das Gericht darüber. Vielleicht wäre ihm eine Erklärung für den Charakter dieser Jugendlichen leichter gefallen, wenn in den Gerichtsakten ein "zerrüttetes Elternhaus" vermerkt gewesen wäre. Denn schließlich geisterte im Gerichtssaal die ganze Zeit ein Begriff herum, den ein Polizist am Karsamstag 1963 gebraucht hatte. Er hatte gesagt: "Das sind ja alles Kommunisten." Die Jugendlichen selbst aber bezeichneten sich als "wachsame Demokraten".

Wachsam wurden sie am 13. April 1963, dem Ostersamstag. Mit Ausnahme des Mädchens gehörten sie zur Gruppe der Ostermarschierer und Atomwaffengegner, die mit ihrem Marschleiter, dem evangelischen Kreispfarrer Herbert Günneberg, von Duisburg nach Dortmund unterwegs waren. Gegen 19 Uhr hatten sie ihr Tagesziel in Essen errreicht. Obwohl sie seit den Mittagsstunden auf den Beinen waren, wollten sie noch weiter, nach Düsseldorf-Lohausen. Der Grund: Unterwegs war eine Ausgabe des Düsseldorfer "Mittag" an die Marschierer verteilt worden. Die Zeitung meldete mit großer Überschrift: "55 Briten werden ausgehungert".

Es handelte sich um die englischen Atomwaffengegner, die eine zweimotorige Maschine gechartert hatten, um am Ostermarsch durch das Ruhrgebiet teilzunehmen. Auf dem Flugplatz angekommen, erfuhren die Briten, daß ihnen Bundesinnenminister Höcherl die Einreise mit Paragraph 8 der Ausländerpolizeiverordnung verweigerte. Aus Protest setzten sie sich im Abfertigungsgebäude auf den Boden. Ein starkes Polizeiaufgebot trug sie in ihre Maschine zurück. Dort lehnten sie es ab, sich anzuschnallen. Die Maschine konnte nicht starten.

Die Angeklagte Helga Bude hatte den "Aufstand" mit angesehen. Sie gehörte zu den rund 50 Deutschen, die mit der leeren Maschine nach London fliegen wollten, um dort ihrerseits für den Frieden zu marschieren. Vor Gericht erzählte sie: "Die Polizei hat sich da ziemlich schäbig benommen. Die Engländer saßen ganz friedlich da. Da kam die Polizei und schleppte sie ab. Dabei wurden die Engländer auch getreten." Der Student Jens Jahnke meinte: "Die Engländer befanden sich in gutem Glauben. Sie hatten vorher angefragt, ob sie einreisen dürften." Besonders empört war er, daß gegen die Briten mit der Ausländerpolizeiverordnung aus dem Jahre 1938 vorgegangen worden war. Nach Paragaph 8 dieser Verordnung kann jenen Ausländern die Gastfreundschaft verweigert werden, die ihrer "nicht würdig" sind. "Das ist doch ein Nazigesetz, das sich gegen streunende Mädchen und Zigeuner richtet", hielt er dem Gericht vor.