Von Alex Natan

Englands sozialkritischer Sportfilm „Lockender Lorbeer“, der bereits auf den Filmfestspielen in Cannes internationale Beachtung gefunden hat, feiert jetzt berechtigte Triumphe auf der europäischen Leinwand. Er basiert auf dem Roman „This Sporting Life“ des jungen David Storey, der bei seinem Erscheinen kaum Beachtung gefunden hat und doch zu einem der stärksten Erfolge der englischen Romanliteratur der Nachkriegszeit geworden ist. Ein Gewaltmensch, der nur Machtrausch und unbändigen Ehrgeiz kennt, macht den Weg nach oben im brachialen, wilden, brutalen Milieu des nordenglischen Rugbysports. Am Ende sieht sich der „Sieger“ allein mit seiner Einsamkeit und spürt mit fast animalischer Eindringlichkeit, daß sich das Leben nicht allein durch Gewalt erringen läßt. Der Sport als Literatur hatte mit diesem Roman einen beachtlichen Beitrag geliefert.

Brian Glanville versucht, diesen Erfolg mit seinem Roman „Gerry Logan’s Aufstieg“, der im englischen Berufsfußball spielt und eine glänzende Presse gefunden hat, zu wiederholen. Glanville ist Sportredakteur bei der „Sunday Times“ und gilt als einer der besten jungen Sportjournalisten Englands, der sich besonders durch internationalen Weitblick ausgezeichnet hat. Er berichtet die realistische Erfolgsgeschichte des Innenstürmers Gerry Logan, der aus Schottland über einen Ligaverein der Provinz nach London kommt, wo ihn sein natürliches Balltalent und seine ungewöhnliche Intelligenz zu einem Idol der Massen machen. Das üble Intrigenspiel hinter den Kulissen seines Vereins, das sich zwischen den Cäsarenallüren der Klubdirektoren mittelster Mittelklasse abspielt, läßt Logan in einen Transfer zu einem römischen Verein einwilligen. Der dortige Fußballdschungel ist das Ebenbild einer wahnwitzigen Renaissancewelt voller Komplotte und Verschwörungen, die nichts mehr mit Sport, sondern nur noch mit nackter Egomanie zu tun haben. Hier zeigt der Virtuose Gerry Logan seine nneren Schwächen. Seine Ehe, die er mit einer Frau führt, die er einem Mann auf rücksichtslose Weise ausgespannt hatte, bricht zusammen. Er findet seinen Weg nach London zurück, um sein Leben in einer Welt der Tagträume und des Selbstbetrugs weiterzuführen. Logan wird zu einem Fernsehstar, der intellektuelle Quiz-Programme bestreitet, um deren wirkliche Flachheit damit nur zu unterstreichen. Schließlich brilliert er nur noch als ein künstlicher Star jeder Unterhaltungsindustrie, die für ihn zu zahlen bereit ist. Innerlich ist er längst ausgebrannt und weiß, daß all dies längst nichts mehr mit Sport zu tun hat. Der Roman schließt mit der abgedroschenen Alltäglichkeit: „Ich glaube nicht an ein geplantes Leben. Ein Mensch, der sein Leben plant, besitzt keine Freiheit. Fußball stellt eine Herausforderung dar, in die Pension gehen eine andere. Ich habe der einen ins Auge gesehen und werde genauso mit der anderen verfahren. Erst wenn man aufhört, Herausforderungen anzunehmen, hört auch das Leben auf.“

Was an diesem Sportroman bezwingend ist, sind die Schilderungen der leeren Fußballplätze um die Wochenmitte, die blutigen, fast sadistischen Kämpfe um Sein oder Nichtsein am Sonnabend, die endlosen Zugfahrten, die grausam kalten Eisenbahnhotels. Nur persönliche Kenntnisse der wirklichen Verhältnisse vermögen die frenetische Atmosphäre der italienischen Fußball-Mafia zu beschreiben, ihre Präsidenten, die sich als Mandarine dünken, ihre Manager, die korrupt sind und ihre Journalisten, die mit zynischer Gelassenheit bestimmen, wer südlich der Alpen Fußballgott ist. Die Reportage der Fußballspiele selbst ist beste Literatur, denn sie läßt eine seltsame Welt erstehen, die dem durchschnittlichen Fußballenthusiasten verschlossen bleibt, weil er sie nur durch eine rosa-rote Brille sieht. Man möchte gern die Kommentare jener Sportbonzen hören, die an grünen Tischen das Hohelied des idealen Sports singen, wenn sie hier lesen können, wie korrupt Schiedsrichter sein können und wie man den Gegner körperlich fertigmachen kann und dennoch Idol bleibt, wenn das nationale Prestige auf dem Spiel steht.

Glanville ist ein Meisterwerk an Milieuschilderung naturalistischer Wahrheit gelungen. Was er allerdings nicht vermocht hat, ist seinem Helden Gerry Logan echtes Leben einzuflößen. Dafür ist Glanville eben doch zu sehr Sportjournalist, um in dieser Schöpfung der Massenillusion persönlichen Zynismus auszulassen. Wir wissen nichts über Logans Schulung, hören indessen seine Vorliebe für Hemingway. Mir scheint, daß dieser Gerry Logan für seinen Schöpfer zu einem Zauberlehrling geworden ist, dem er schließlich selbst zum Opfer gefallen ist, als er in eine Welt ohne Erbarmen und fragwürdigen Kraftmeiertums eine Gestalt stellt, die sich dort keine Stunde am echten Leben halten könnte.