Washington, im Mai

Die Bibel- und Gebetsstunden am Wochenende, die Gottesdienste am Sonntag, dazu die religiösen Massenversammlungen von Erweckern und Bekehrern sind auch heute wie eh und je in den Vereinigten Staaten gut besucht, wenn nicht überfüllt; daran hat das Emporwachsen dieses Landes zu einer Gemeinschaft reichen Zivilisationskomforts, haben Autos, Kühlschränke, Waschmaschinen nichts geändert. Ob die Religiosität des Amerikaners innerlich, tief ist, ob sie oberflächlich und lediglich Verpflichtung gegenüber der Nachbarschaft erscheint (not to be different: auf keinen Fall sich anders verhalten als der Mitmensch), ob sie im theologischen Sinn die Beziehung des Individuums zu Gott oder nur die des Einzelnen zu seiner Umgebung in der Gemeinde gleichen Bekenntnisses herstellt, ob sie missionarisch oder sektiererisch auftritt – sie ist vorhanden und ein Wesensmerkmal des amerikanischen Verhaltens.

Sind doch die USA vom Ursprung her ein Land religiöser Zuflucht, das die ersten Auswanderer aufsuchten, weil sie sich in ihrer europäischen Heimat in der Religionsausübung behindert oder gar verfolgt sahen. Das Signum dieser Herkunft hat sich erhalten. Wer im öffentlichen Leben auftritt, wird sein Bekenntnis, mindestens gelegentlich, zur Schau stellen, und jede Biographie weist einen Hinweis auf die Konfession auf, wie denn auch in jeder Schilderung des Tageslaufes eines Prominenten erwähnt wird, wann und wo er den Gottesdienst besuchte. Kein neuer suburb, in dem nicht alsbald ein schmuckes Kirchlein prangt. Kein Gottesdienst, wo die Kollekte nicht auch aus den Taschen der Ärmsten sich rasch mit Dollarscheinen füllte – Münzen sind fast eine Häresie. Die Gemeinde, hier nicht als Verwaltungseinheit, sondern als nachbarliche Umgebung, als die Community gesehen, ist zumeist identisch mit den Kirchengemeinden, denen der Presbyterianer, Baptisten, Methodisten, Lutheraner oder Katholiken.

Etwas weniger als ein Drittel der 180 Millionen Amerikaner sind Katholiken. 5,5 Millionen sind Juden. Zwei Drittel des amerikanischen Volkes sind Protestanten, vier Millionen gehören keiner Glaubensrichtung an, über anderthalb Millionen sind nichtchristlichen, nichtjüdischen Bekenntnisses, unter ihnen Hindus, Moslems, Buddhisten. Übrigens gliedert sich die protestantische Mehrheit wieder auf in rund 100 von einander zum Teil recht scharf getrennten Kirchen. Kaum eine in der christlichen Welt vorhandene Bekenntnisvariante, die nicht auch in den USA ihre Gemeinde besäße.

Diese religiöse Mannigfaltigkeit entstand aus der Suche nach Toleranz und erzwingt sie gleichzeitig. Doch ist die Duldsamkeit nicht unbegrenzt. Sich in Amerika offen als Atheist zu bekennen, ist recht bedenklich, und in orthodoxprotestantischen Sprengein werden Katholiken und Juden über die Schulter angesehen – wie umgekehrt. Jedoch wird kaum jemand wegen seines Glaubens diffamiert; als Amerika 1960 zum ersten Mal einen Katholiken, John F. Kennedy, zum Präsidenten wählte, war das ebenso ein Ausdruck entwickelter Toleranz wie einer sich doch bemerkbar machenden religiösen Indifferenz. Religiöser Fanatismus, der inmitten einer konfessionell sektiererischen Nation einen guten Nährboden finden kann, ist in Amerika nicht gefragt, wenngleich auch er geduldet wird, solange er sich auf den engen Kreis der Gemeinde beschränkt.

So weit sich die Bürger der USA allen Glaubensrichtungen erschlossen haben, so sehr mußten sie darauf bedacht sein, jede Identifizierung von Staat und Kirche zu vermeiden. Einer der geheiligten Verfassungsgrundsätze ist die unbedingte Trennung von Kirche und Staat. Sie ist im ersten Verfassungszusatz etabliert, der dem Kongreß gleichzeitig verbietet, ein Gesetz zu verabschieden, das eine religiöse Einrichtung begünstigt oder das die freie Religionsausübung unterbindet. Die Kirchen müssen sich selbst aus den freiwillig aufgebrachten Mitteln ihrer Gemeinden unterhalten. In den Schulen gibt es keinen Religionsunterricht (er wird in den Kirchen erteilt und ist freiwillig). Und Konfessionsschulen werden von den Kirchen finanziert (was mit der Modernisierung des Schulwesens besonders die katholischen Bekenntnisschulen in wachsende Bedrängnis bringt).

Zwar beginnen die Abgeordneten und Senatoren der beiden Kongreßhäuser ihre Sitzungen morgens mit einem Gebet, zwar steht auf den Münzen „In God we trust“, und der von den Schulkindern täglich oder mindestens einmal wöchentlich aufgesagte Treueid (oath of allegiance) bezieht sich auf die eine „nation ander God“. Doch wird ernstlich keine Gruppe in Amerika das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat in Frage stellen wollen, schon aus Selbsterhaltung nicht. Aber die der Legislative auferlegte strenge Verpflichtung, einerseits keine Religionsgemeinschaft zu begünstigen, andererseits die freie Religionsausübung nirgendwo zu beeinträchtigen, konnte und mußte irgendwann zu einem Konflikt führen.