Von Josef Müller-Mai ein

Ja, muß es denn gerade dieses schmale, gelbe Büchlein sein, das mir in die Finger fällt? Sein Titel heißt „Leos Janácek – Leben und Werk“. Sein Autor: Max Brod. Wer aber an diesen Autor denkt, der am kommenden Mittwoch (dem 27. Mai) achtzig Jahre alt wird, sollte doch wohl eher zu einem Band seiner Roman-Trilogie „Tycho Brahes Weg zu Gott“ greifen oder zu einer seiner Gedichtsammlungen, etwa zum „Tagebuch in Versen“. Oder er sollte sich in die Betrachtungen über „Heidentum, Christentum, Judentum“ vertiefen. Was kann in diesem Zusammenhang der tschechische Musiker bedeuten?

In diesem Augenblick aber fällt mir ein, daß es Max Brod selber war, der mir seine kleine Janácek-Biographie zum Geschenk machte, als er zuletzt in Hamburg war. Werfen wir also einen Blick hinein! Vielleicht, daß wir Neues nicht nur über den großen tschechischen Komponisten, sondern auch über Max Brod erfahren, der immerhin Janáceks berühmte Oper „Jenufa“ und noch drei andere ins Deutsche übertragen hat.

Neues? Als Janácek 1924 seinen 70. Geburtstag feierte, erschien dieses kleine Buch Brods, das er ein Jahr zuvor geschrieben hatte, nun auch in tschechischer Übersetzung: eine leidenschaftliche Kampfschrift für einen großen Mann, dessen Bedeutung damals selbst von seinen Landsleuten nicht genügend erkannt worden war. Und nicht nur leidenschaftlich war dieses Bekenntnis; es war erfüllt von künstlerischer Intuition, aber auch von gehöriger musikalischer Sachkunde, wie alles dies nur ein außergewöhnlich universeller Geist in sich vereinigen kann. Und von da ab lebte Janàcek im Ruhm – ein Glück, das seine Schaffenskraft aufs neue beflügelte, bis er 1928 starb.

Zur Totenfeier im Foyer des Tschechischen Theaters Brünn sprachen viele Redner; nur ein einziger sprach deutsch, und dieser vermochte nur zwei Sätze des Dankes über die Lippen zu bringen. Er danke „im Namen der vielen Zehntausende, die in deutschen Opernhäusern das Glück deiner Kunst erlebt haben“. Der stammelnde Redner war der Dichter Max Brod, über dessen Freundestat Janácek gesagt hatte: „Zur rechten Zeit kam er wie ein Bote des Himmels.“

Nichts Neues! Es sei denn, daß im Nachwort, das Brod seiner’Biographie 1953 hinzufügte, mitgeteilt wird, der heftigste Gegner des Komponisten, der führende tschechische Kritiker in Prag, Professor Helfert, sei später (post festum) sein bester Prophet geworden. Helfert war ein aufrechter Tscheche; die SS erschlug ihn darum.

Nein, es ist gar nichts Neues, was man aus diesem allerdings nicht sehr bekannten Falle einer Musiker-Biographie erfährt: Brod hat für Janácek nur dasselbe und mit der gleichen Selbstlosigkeit getan, was er für Franz Werfel und Franz Kafka tat. Er war der Glücklichste unter den vieren, derjenige, der aus eigenem Schaffen, aus eigener Leistung am frühesten Geltung besaß. Er hat – der große Selbstlose – diese Geltung für sie eingesetzt, denen seine Bewunderung und sein Herz gehörten. Schon melden die neueren Lexika an erster Stelle über ihn, daß er der große Entdecker und Förderer Werfels und Kafkas war; sie sollten (wenigstens in Klammern) auch den Namen Janáceks hinzufügen. Bei alledem weiß Max Brod natürlich selber, daß jene Selbstlosigkeit, mit der er seinen Freunden half, der weltweiten Anerkennung seines eigenen bewundernswerten Werkes, das er als Romancier, Poet und Philosoph leistete, nicht gerade förderlich war. „Seht“, so hat Max Brod der Welt zugerufen, die auf ihn, den edlen Verführer, hörte, „seht, diese sind größer als ich!“ Was die Welt davon im Gedächtnis behielt, war: „Brod ist kleiner als sie!“ Und daß die Welt so antwortet – Brod lächelt darüber.