Saigon, im Mai

Im südvietnamesischen Bürgerkrieg ist neuerdings etwas Bemerkenswertes geschehen. Zum erstenmal sind im Mekong-Delta Einheiten des kommunistischen Vietcong in Regimentsstärke von mehr als tausend Mann aufgetreten. Diese Taktik deutet darauf hin, daß die Kommunisten jetzt drauf und dran sind, die dritte und letzte Phase in ihrem „Befreiungskrieg“ einzuleiten.

In enger Anlehnung an die Gedanken von Mao Tse-tung hat vor einigen Jahren der brillante nordvietnamesische General Vo Nguyen Giap sozusagen den Fahrplan eines Guerilla-Krieges aufgestellt. Seine Theorien stammen aus der Erfahrung, die er als Vietminh-Kommandeur in dem achtjährigen Indochina-Krieg gegen Frankreich sammeln konnte. Nach Giap durchläuft der „Volkskrieg“ mehrere Phasen. Er beginnt mit einer Periode der Mobilisierung, Organisation und Propaganda. Darauf folgt der eigentliche Guerillakrieg, der dann langsam in eine bewegliche Kriegsführung übergeht. Die letzte Phase bildet schließlich der konventionelle Krieg – etwa in der Art jener Schlacht von Dien Bien Phu, in der die Franzosen entscheidend geschlagen wurden. Es mutet gespenstisch an zu sehen, mit welcher Präzision der Vietcong in Südvietnam seit 1956 diesem von Giap aufgestellten Modell gefolgt ist.

„Um das Vaterland zu befreien, muß man zunächst einmal sein eigenes Dorf befreien.“ Nach dieser Devise haben die kommunistischen Agenten zunächst einmal versucht, die dörfliche Bevölkerung zu organisieren. Zwei Jahre später begannen kleinere Guerilla-Aktionen, die vorwiegend das Ziel hatten, Regierungsbeamte zu „liquidieren“ oder Waffen von den Regierungstruppen zu holen. Bis 1951 hatte der Vietcong etwa 13 000 Handfeuerwaffen und rund 600 schwere Waffen erbeutet. Nun waren die Kommunisten imstande, in einer neuen Kriegsphase größere Einheiten zu bilden und sich zugleich in einen örtlichen Guerillakampf wie auch in einen beweglichen Krieg einzulassen. Die kommunistischen Aktionen in Laos hatten einen Korridor von Nord- nach Südvietnam geöffnet. Über diesen „Ho-Tchi-Minh-Pfad“ kamen politische Führer und militärische Instruktoren in das Kampfgebiet. Fast alle waren Vietminh-Veteranen, die sich 1954 in den Norden abgesetzt und seitdem auf die Gelegenheit gewartet hatten, in ihre südliche Heimat zurückzukehren.

Innerhalb der letzten zwei Jahre ist die Streitmacht des Vietcong auf etwa 25 000 Mann Kadertruppen und mehr als 300 000 aktive Helfer angewachsen. Die Einheiten teilen sich in drei Gruppen. Ganz unten stehen die Irregulären – zumeist Bauern, die nebenher als Guerillas, Wachposten, Spione, Kuriere und Träger fungieren. Sie alle werden als „auswechselbar“ betrachtet und konsequenterweise bei größeren Angriffen als erste Welle vorgeschickt. Manchmal sind sie nicht einmal bewaffnet. Auf der Distriktsebene gibt es dann in jeder Provinz die Vietcong-Kompanien. Sie sind besser ausgebildet, verfügen über ausreichende Waffen und werden gewöhnlich von erfahrenen Offizieren geführt. Sie kämpfen nur innerhalb ihrer Distrikte, überfallen Konvois oder greifen Stützpunkte der Regierungstruppen an, um Waffen zu erobern. An der Spitze der militärischen Skala des Vietcong stehen die regulären Truppen. Sie bestehen aus etwa 45 Bataillonen. Diese Männer tragen zusammengewürfelte Uniformen, sind ausgezeichnet bewaffnet – häufig sogar mit automatischen Gewehren und schweren Schützenpanzern. Diese Truppen sind in hohem Maße ideologisch indoktriniert.

Die Kommunisten haben eine besondere Liebe für Dokumente. So fand man neulich ein Schriftstück bei einem gefallenen Vietcong-Soldaten. Es enthielt ein interessantes statistisches Porträt des 26. Bataillons, das südwestlich von Saigon operiert. Mehr als 80 Prozent der Soldaten dieses Bataillons ist im Operationsgebiet ansässig. Dies entspricht ganz der Vietcong-Praxis, die Truppen in ihrem Heimatgebiet einzusetzen, wo sie mit Land und Leuten vertraut sind. Das Alter der Soldaten liegt zwischen 17 und über 40, und im Durchschnitt haben alle etwa drei Jahre gedient. Die Kompanieführer sind um Mitte 30. Die meisten haben schon im indochinesischen Krieg gekämpft. Vom Zugführer an aufwärts sind alle Offiziere kommunistische Parteimitglieder. Obgleich der Vietcong jetzt in größeren Einheiten kämpft, haben die Bataillone doch ihren unabhängigen Status beibehalten. Dies geschieht vielleicht, um auch weiterhin ihre Beweglichkeit zu gewährleisten.

Der Übergang zur letzten, zur konventionellen Kriegsphase ist für die Rebellen überaus gefährlich. Dies haben die Vietminh 1951 erfahren, als sie in Nordvietnam zwei Divisionen in eine „klassische“ Schlacht gegen die Franzosen schickten. Das Ergebnis waren 6000 Tote auf der Vietminh-Seite – und die Einsicht, daß es gefährlich ist, vom Guerillakampf zu früh zum regulären Krieg überzugehen. So braucht das Auftreten größerer Vietcong-Einheiten im südlichen Mekong-Delta noch nicht zu bedeuten, daß die Kommunisten schon jetzt die große Entscheidungsschlacht beginnen wollen. Vielmehr scheint es so, als wollen sie mit diesen Manövern politische Wirkungen in Saigon erzielen.