Die Berliner Wirtschaft bemüht sich seit Jahren, den Nachweis ihrer eigenen Lebensfähigkeit nicht nur mit rethorischen Deklamationen, sondern auch durch Leistungen zu erbringen. Nun hat es 1963 zum ersten Male seit vielen Jahren eine Stagnation gegeben. Der Wert der in Westdeutschland abgesetzten Waren war mit 6,8 Milliarden Mark nicht höher als 1962. Die Industrieproduktion in Westberlin ist jedoch noch um 3 Prozent gestiegen. Entweder haben sich also bei der Industrie Lager gebildet, oder der interne Westberliner Markt hat sich dementsprechend ausgeweitet.

Die Kritik an Westberlin meint, die Westberliner Industrie investiere nicht genug. Der Präsident der Berliner IHK, Borner, hat in einem Vortrag den Finger auf die Wunde gelegt. Die Investitionsmöglichkeiten in Westberlin sind beschränkt. Es fehlt die Grundstoffindustrie, es fehlen die sogenannten Wachstumsindustrien, wie zum Beispiel die Petrochemie, die in Westberlin keinen Standort findet.

Daß die geringeren Gesamtinvestitionen zu wünschen übrig lassen, ist beileibe kein böser Wille. Das zeigt sich schon an den Ausrüstungsinvestitionen, die in Berlin stärker zugenommen haben als im Durchschnitt des Bundesgebiets.

An der Entwicklung des letzten Jahres wird deutlich, daß die Situation der ehemaligen deutschen Hauptstadt, die es verstanden hat, in großem Maße sich von der Dienstleistung auf die schaffende Industrie umzustellen, wohl nicht auf die Dauer ohne Zuschüsse zu meistern ist. Selbst wenn der erfreulichen wirtschaftlichen Initiative weiter die gleichen Erfolge beschieden sein sollten wie in den vergangenen Jahren, wird man damit rechnen müssen, daß im Haushalt der Bundesrepublik auf Dauer ein Platz für Westberlin freigehalten werden muß. mh.