Von Werner Ross

Das Tausendjährige Reich hat nur zwölf Jahre gedauert. Aber wenn man deutsche Literatur von vorher liest, Vor- Weltkrieg, Weltkrieg, Nach-Weltkrieg, ist man versucht, zu glauben, es habe doch hundert Jahre gehalten, – solange ist das her, so sonderbar veraltet, so weltenfern, was damals entstand. Gewiß, die Großen bleiben groß, auch wenn die Kritik sie ein bißchen verknittert, aber wie viele Schock vergessener Poeten, Novellisten, Stückeschreiber kommen auf die paar Überlebenden?

Das wäre eine billige Überlegung, wenn diese deutsche Literatur zwischen 1900 und 1930 nicht noch zu einer besonderen Feststellung nötigte: Sie war auf weite Strecken hin schon unmodern, als sie erschien. Sie schüttelte die Faust gegen die Zeit, gegen die Zivilisation, sie gab sich ästhetisch, ätherisch, esoterisch, wollte neues Menschentum nach Bamberger-Reiter-Modell, verlor sich kosmisch und wurde dabei unfreiwillig komisch.

Dieser Zeit fehlte es durchaus nicht an Talenten, nicht an Genialischem. Aber den Zeitgeschmack regierte zuerst der Kaiser, dann das Chaos. Auch die Kritik hatte geniale Anflüge, aber sie war zuerst aufgeblasen bei Maximilian Harden, später geistreichelnd bei Alfred Kerr, schließlich doch zu federfuchserisch bei dem großen Karl Kraus.

Man braucht nur ein paar Namen zu nennen, um das Schwache, Halbe, Wacklige von Richtungen und Dichterbünden deutlich zu machen, die sich gegen die westliche Dekadenz in die Brust warfen und steile deutsche Wege zu gehen vermeinten: den Rembrandt-Deutschen, den Kreis um die Blätter für die Kunst, die kosmischen Dichter um den „Charon“, die Jungen von Klagen und Schuler, bis hin zu Rudolf Steiners Anthroposophie.

Das Sonderbarste ist, wie revolutionär sich diese Rückwärtsschwärmer vorkamen. Sie wandelten auf Nietzsches Spuren, Sucher und Ringer, Schweller und Zertrümmerer, zuchtvoll oder ekstatisch, alle aber von der Hoffnung bewegt, daß Zivilisation, Technik, Industrie, Bildungsphilistertum, kurz und gut: die ärmlich-ehrliche Gegenwart wie ein böser Spuk verschwinden würde, sobald sie sich ans Werk machten.

Von ihnen zu reden, ist immer wieder Anlaß, da die Verlage mit großem Fleiß ihr Gesamtwerk neu publizieren oder wenigstens in Sammlung und Auswahl vorstellen. Ob sie noch viele geneigte Leser finden werden, scheint mir fraglich; aber den Lernenden sollten sie zugänglich sein, als Dichtung, wenn der große Ansatz einmal gelang, als Dokument vor allem, dem zu entnehmen ist, wie nachtwandlerisch der deutsche Geist,edel-idealisch, dem Schicksalsjahr 1933 entgegen wanderte –