Von Willi Bongard

Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür“, berichtete ein Augenzeuge der Uraufführung von Schillers „Räubern“ im Mannheimer Nationaltheater. „Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht ...“

Die Reaktion auf die Jahresversammlung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) am selben Ort – 182 Jahre später – war sehr viel gemäßigter. Dennoch erscheint ein Vergleich beider Veranstaltungen nicht völlig abwegig. Hatte der junge Schiller es mit seinem Stück darauf abgesehen, mit dem „tintenklecksenden Säkulum“ und seinen „abgeschmackten Konventionen“ abzurechnen, so ging es dem mächtigen Wirtschaftsverband darum, eine „Neuorientierung“ der Wirtschaftspolitik einzuleiten und für eine Revision der bisherigen „Geschäftspolitik“ zu plädieren. Wenn diese Absicht in der Öffentlichkeit nicht so deutlich geworden ist, dann deshalb, weil der Mannheimer „Aufführung“ des BDI nur eine stark gekürzte Ausgabe des offiziellen „Rollentextes“ zugrunde gelegt wurde.

„Staatsorgane, Wirtschaft und Gesellschaft sind aufgerufen, einmal zu prüfen, ob ihr Verhältnis zueinander nicht noch besser werden und ob nicht die Anpassung an die gegenüber 1949 völlig veränderten Umstände der Gegenwart vervollkommnet werden muß“, heißt es beispielsweise im Jahresbericht des BDI. Gerade in der Wirtschaftspolitik scheint der Industrie „die Korrektur früher einmal aufgestellter Leitlinien ... besonders geboten“.

So wenig man sich einer Anregung verschließen wird, die bisherige Wirtschaftspolitik auf ihre Tauglichkeit für die Erreichung gemeinsamer Ziele hin zu überdenken, so sehr wird man auf der Hut sein müssen vor Forderungen, die offenkundig den Interessen einer Gruppe dienen – und sei es auch eine so mächtige und wichtige Gruppe wie die westdeutsche Industrie.

Zwar beteuert der BDI in seinem Jahresbericht, daß es verkehrt wäre, aus dem „industriellen Verlangen“ (!) nach einer Modifizierung der Wirtschaftspolitik zu schließen, die Industrie sei „der Marktwirtschaft müde geworden. Das dicke Aber heißt jedoch unumwunden: Anpassung des (Wettbewerbs-)Prinzips an die veränderte Wirklichkeit.

Kein Zweifel, daß sich die gesellschaftliche und wirtschaftliche wie auch die politische Wirklichkeit seit 1949 verändert hat – und wahrhaftig nicht in jeder Hinsicht zu unserem Wohlgefallen. Kein Zweifel, daß wir uns mit dem bisher Erreichten nicht zufriedengeben können. Kein Zweifel auch, daß wir uns neuen, größeren Aufgaben gegenübersehen, vor allem angesichts der zunehmenden weltwirtschaftlichen Verflechtung, der Ausweitung der Märkte.