Brave Theaterstücke und uralte Filme; zähe Reprisen und Evergreens in herbstlichem Flor: Nein, diese Woche war nicht schön. Hatte man, acht Tage zuvor, dem Verfasser der Universitäts-Reportage noch die mangelhafte Definition der akademischen Senate zum Vorwurf gemacht, so wäre zwischen dem 10. und dem 16. Mai niemand auf den Gedanken gekommen, sich über kleine Versehen zu ärgern ... wen schließlich kümmert in der Wüste ein häßliches Sandkorn?

Die Musen schwiegen, und der Sport regierte die Stunde; Deutschland gegen Schottland hieß die Devise. Die Mainzer begannen als erste, das Spiel war gerade vorbei, und die Rundfunkhörer wußten Bescheid. Gerd Krämer hingegen, der Sprecher des Zweiten Programms, wußte es nicht. Zwar war seine Redeweise persönlich („der kleine Wirbelwind, der macht mir Sorgen“), und Millionen durften erfahren, daß der wackere Krämer den bei der Remis-Prophetie gewonnenen Sekt für einen deutschen Sieg jederzeit preisgeben würde (unsere Sprecher, sieht man, denken national), doch dafür haperte es dann um so mehr an der rechten Fügung der Worte: Weber, hieß es, sei ein giftiger Zerstörer (der Fliegenpilz der deutschen Abwehr offenbar), und die Glasgow-Rangers stellten das Gerippe der schottischen Mannschaft ... wie sich Krämer einen derart postierten Knochenmann vorstellt, blieb sein Geheimnis.

Auch vom Kombinationsteppich – ob Boucle oder Haargarn, blieb offen – und vom Drosseln der Spieler, die erst in Strafraumnähe anträten, wurde gesprochen, kurz, ein Grammatiker war dieser Sprecher nicht. Dafür hob er dann ernsthaft die Stimme, wenn der Schiedsrichter wieder einmal „versagte“ („bei mir ist das ein klares foul, Herr Poulsen“) und hielt es nicht für angebracht, nach eigenen Fehlentscheidungen um Verzeihung zu bitten. (Das zweite Tor war von Dörfel, so hatte es Krämer gesehen, und Krämer irrt nie.)

Ganz anders, im ersten Programm, Rudi Michel, ein ebenso leidenschaftlicher wie bescheidener Mann. Statt schwäbischer Behäbigkeit – Enthusiasmus und Rage; statt des Schläfer-Kommentares – Anfeuerungsrufe, Warnungen und plötzliche Schreie. Größerer Sachverstand (die Analyse der zweiten 45 Minuten!), rührender Witz („der Mann trägt keine Rückennummer, er ist eben ein sparsamer Schotte“), Bereitschaft zur Selbstkorrektur. („Ich sprach von ‚unserem‘ Tor. Das war ein Fehler. Ich gehöre nicht dazu.“) Die Lehren der Rhetorik freilich hat auch Rudi Michel nie gelernt: „Das fängt ganz lustig an“, meinte er freundlich, „doch die Schotten sind noch dicht.“

Was das heißen soll? Ich weiß es nicht. Die Metaphorik der Berichterstatter ist so dunkel wie die Planung unserer Fernsehanstalten: Warum verzichtete Mainz vor dem Spiel auf die Herberger-Ehrung, und weshalb ließ der ARD-Digest viele der interessantesten Szenen, zum Beispiel das schottische Abseitstor, aus?

Nun, gut zu cutten ist schwer; richtig deutsch zu sprechen jedoch... aber lassen wir das. Eines Tages wird die Abendschule für die Sprecher schon kommen. So wie bisher jedenfalls, mit dichten Schotten und giftigen Zerstörern, geht es wirklich nicht weiter. Momos