In Paris hat vorige Woche der 17. Parteitag der Kommunisten stattgefunden, und was dabei am stärksten beachtet wurde, ist die Tatsache, daß Maurice Thorez, der „Bannerträger der Weltrevolution“ in Frankreich, den Posten des Generalsekretärs niederlegte. Weil nun aber Thorez nicht der Mann ist, den man in die Wüste schicken kann – denn seine Verdienste um den Kommunismus sind zu groß –, errichtete man ihm ein ehrenvolles Podest, indem man ein Amt für ihn erfand, das es vordem nicht gegeben hatte: Er wird Präsident seiner Partei, während sein alter Mitarbeiter und vertrauter Freund, Waldeck Rochet, als neuer Generalsekretär die Führung des Apparates übernimmt. Da Thorez nicht gestürzt werden konnte, erhöhte man ihn also ... Dies geschah in Anwesenheit des sowjetischen Parteiideologen Suslow und unter großem Aufwand von Blumenspenden und Beifallklatschen im Saal der Mutualité.

Schon die Wahl dieses Versammlungsortes hat gelindes Erstaunen erregt. Wollte es nicht die Tradition, daß die Kommunisten ihren Parteitag dort abhielten, wo sie am stärksten waren: im Pariser Vorort-Milieu? Das „Lateinische Viertel“ jedoch, wo der riesige Saal der Mutualité liegt, ist mit seiner Universität immer noch das Zentrum von Paris. Soweit hier Kommunisten eine Rolle spielen, handelt es sich um eine sehr aktive studentische Organisation (UEC). Und eben diese ist im Begriff, von Partei wegen aufgelöst zu v/erden, weil es darin mehr Rebellen als brave Gefolgsleute gibt, wobei ihr Protest gegen die alten Partei-Oberen in der Forderung gipfelt: „Nicht stagnieren! Verjüngt die Führungskader!“ (Und manche lieben auch Peking, anstatt Moskau.)

Selbstbewußtsein zeigten die alten Kämpfer, als sie mitten in Paris und in der Höhle der jungen roten Löwen den Kongreß einberiefen. Und dort geschah dann das Ereignis, das der parteiinternen Opposition, der akademischen Jugend, den Wind aus den Segeln nehmen soll: Die Führungsgruppe der französischen KP wurde radikal verjüngt.

Im Hintergrund eine Fahne, die Suslow dem alten Genossen und neuen Partei-Präsidenten zur besonderen Ehrungmitgebracht hatte, so saß Maurice Thorez auf dem Podium, blickte zu den Tausenden herab und nickte nachdrücklich zu den Worten, mit denen der „Chefideologe“ aus Moskau die Chinesen verurteilte. Er hat sein Leben lang noch stets geglaubt, daß Moskau recht habe – gleichgültig, ob dort Lenin, Stalin oder Chruschtschow das Ruder ergriff.

Im übrigen war es Thorez, der sich hier, auf dem Parteitag der traditionell langen Reden, (Waldeck Rochet redete allein fünf Stunden) kurz faßte. Ohnehin war der Bergmannssohn aus dem Pas de Calais niemals ein Podium-Star, niemals ein Virtuose der schön geschwungenen, stilreinen Sätze, an denen sich in Frankreich leicht einer begeistert – auch ein Kommunist. Er war vielmehr der Mann der Straße, der brummbeißigbiedere, manchmal tumb, aber immer ehrlich erscheinende Volksredner. Die Register auf seiner Orgel hatten sämtlich die gleiche Klangfarbe: Schmetternde Trompete (der Weltrevolution), dumpfes Bombardon (des Klassenkampfes) und drohende Posaune (des Jüngsten Gerichtes über die Kapitalisten). Aber wenn er das Register der Vox humana zog, war das Vibrato zu stark. Menschliche Rührung schlug um in peinliche Sentimentalität. Da warteten die Massen lieber achselzuckend und geduldig, bis ihr „Maurice“ wieder Feuer und Schwefel spie. Aber diesmal, im Festsaal mitten im Quartier latin, war er, der Hochgeehrte, ziemlich still und blickte versonnen und abschiednehmend auf die Versammelten: ein Mann auf dem Weg zur Legende.

Drunten im Saale die Beobachter hatten während der langen Reden, in denen tagelang immer wieder dasselbe feierlich erklärt wurde – Verurteilung Chinas, Wunsch nach Einberufung einer kommunistischen Weltkonferenz, Verjüngung der Kader – hinreichend Gelegenheit, sich Gedanken darüber zu machen, was diesen Kongreß von den Jahresversammlungen anderer Parteien unterschied, die ebenfalls in diesen Tagen stattgefunden hatten.

Kritik an General de Gaulle hier wie dort. Doch während die Bürgerlichen, wie die Sozialisten, die Außen- und insbesondere die Europa-Politik de Gaulles kritisieren, wenden sich die Kommunisten speziell gegen seine Innenpolitik. Ein integriertes Europa wollen die Kommunisten ebensowenig, wie der General es will. Und die Anerkennung Chinas hat Maurice Thorez schon lange gefordert. Daß de Gaulle gute Beziehungen zu Kuba wünscht und auch sein Plan der Neutralisierung Vietnams – alles das paßt auch in sein Konzept. Wenn Thorez zugleich den „ideologischen Verrat“ Chinas verurteilt, so ist das die eine Sache; die andere ist, daß er glaubt: Alles, was Amerika ärgert, erfreut seine Freunde im Kreml. Aber so simpel ist die Weltpolitik nun einmal nicht mehr ...