Verbündete zu haben, ist schlimm. Nur eines wäre schlimmer: Keine Verbündete zu haben.

Bei der Frühjahrskonferenz des NATO-Rates im Haag waren sich die westlichen Außenminister dieses alten Spruches sehr bewußt. Ausgesprochen oder unausgesprochen stand über der Konferenz die Frage, wie der Zusammenhalt der Allianz wieder gefestigt werden könne.

Die Quelle der Sorge war eindeutig: de Gaulles Feindseligkeit gegenüber der NATO in der gegenwärtigen Form und seine unermüdliche Kampagne gegen jedwede Integration der militärischen Streitkräfte der fünfzehn verbündeten Nationen.

Um wenigstens den Schein der Einigkeit zu retten, appellierte US-Außenminister Rusk an die anderen Delegationen, die Franzosen nicht herauszufordern. Doch Belgiens Paul Henri Spask nahm kein Blatt vor den Mund. In einem dreiviertelstündigen rhetorischen Ausbruch forderte er die Franzosen auf, endlich zu sagen, welche konkreten Reformen sie eigentlich wünschen, und beschwor sie, nicht zu dem Bündnis-System von 1914 und 1939 zurückzublicken, sondern vorwärts in eine Zukunft der Integration.

Einer Antwort ging Frankreichs Couve de Murville beherrscht aus dem Wege. Die westlichen Diplomaten gewannen den Eindruck, daß General de Gaulle seine Reformvorschläge noch nicht zu formulieren vermag, daß aber seine Unzufriedenheit mit der derzeitigen Bündnisstruktur ein fortdauerndes Ärgernis sein wird.

Couve war nicht der einzige, der auf klare Fragen keine klaren Antworten gab. Im Schlußkommunique ignorierten die Außenminister den Appell ihres amerikanischen Kollegen an die Bündnispartner, sich dem amerikanischen Handels-Boykott gegenüber Kuba anzuschließen und Amerika auch in dem schmutzigen Vietnam-Krieg zu unterstützen. In der Zypern-Frage vermochten sich die Minister gleichfalls nur auf sehr dürftige platonische Erklärungen zu einigen.

Mit dem Schlußkommuniqué konnte einer freilich zufrieden sein: Bundesaußenminister Gerhard Schröder setzte durch, daß der NATO-Rat in starken Formulierungen abermals für das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen und für das Alleinvertretungsrecht Bonns in internationalen Angelegenheiten eintrat. Allerdings schien – so kurz vor der kleinen Gipfelkonferenz der CDU/CSU in der Kanzler-Villa – jener Kommunique-Passus vor allem innenpolitische Bedeutung zu haben. Ob die Minister-Manifestation in naher Zukunft eine neue westliche Deutschland-Initiative bei der Sowjetunion zur Folge haben wird, steht noch dahin. Der Wunsch Schröders nach einer solchen Initiative fand vorläufig kein Gehör: die Angelegenheit wurde an den Botschafterlenkungsausschuß in Washington zurückverwiesen.

Wie die Dinge lagen, erschien die Wahl des Italieners Manlio Brosio zum nächsten Generalsekretär der NATO als das einzige handfeste Ergebnis der Haager Konferenz.