Von Robert Neumann

Als wir Robert Neumann baten, den ZEIT-Lesern von der diesjährigen Tagung des PEN-Clubs in Berlin zu berichten, wußten wir, daß uns da kein konventioneller Bericht bevorstand. Wir drucken, was er uns geschrieben hat, unverändert auch dort, wo es nicht unseren Auffassungen entspricht. Da von den Namen Habe, Andersch, Reich-Ranicki nur einer genannt war, konnten wir uns darauf beschränken, nur einen Namen zu streichen (im nicht endenwollenden Bemühen, wenigstens ZEIT-Mitarbeiter zu einiger Friedfertigkeit gegeneinander zu bewegen).

Dieser Spaziergänger kann es noch immer nicht lassen, Nebendinge zu treiben. Zum Beispiel: seiner Neugier nachzugehen und herauszufinden, was denn aus dem vorjährigen Beschluß des bundesdeutschen PEN-Clubs geworden sei, sich mit seinem DDR-Äquivalent zu verständigen, zu verbrüdern, wenn nicht gar zu verschmelzen.

So führte der Spaziergang zunächst für ein paar Stunden nach Ostberlin – durch die Mühle einer Grenzkontrolle, die einem das Gefühl vermittelt: das ist von subversiven Elementen der DDR mit Raffinement so organisiert worden, um auch aus dem Wohlwollendsten spätestens beim sechsten Durchgeschleustwerden einen militanten Ulbricht-Feind zu machen; so sehr ist all das vorgestrig, kriegsmäßig, die Menschenwürde verletzend – nicht preußische Organisation, sondern eine Parodie aufs Preußentum, der die Unfähigkeit, wirklich zu organisieren, aus allen Poren spritzt. Dieses Hin- und Widergeschobenwerden zwischen Schlangen, die vor Schaltern stehen (wobei der oberste Schicksalsschalter nur einen Schlitz besitzt: Den Gott, der hinter ihm sitzt, den siehst du nicht) – das ist natürlich die Kafka-Welt, die sich begreiflicherweise gegen die Zulassung eines Dichters wehren muß, der sie um Jahrzehnte vorausplagiiert hat.

Dabei ist es eine bessere, freier atmende Welt, in die man gerät, wenn dieser Wall bürokratischer Unfähigkeit einmal durchstoßen ist. Da entwickelt sich ein modernes Quartier um den Alexanderplatz, die Menschen sind fröhlicher, besser gekleidet als vor zwei Jahren, der Volkspolizist auf der Straße so höflich wie sein Vetter in Westberlin, das neue Restaurant „Moskau“ auf der Karl-Marx-Allee nicht schlechter als das beste auf dem Kurfürstendamm.

Die Kollegen, die einen dort erwarten, haben sich kaum verändert. Hacks fehlt, doch wird einem versichert, er schwimme nach vorübergehender Bedrängnis heute schon wieder bayrischraufboldhaft und auf eine sympathische Weise juvenil auf der Woge seines trotzköpfisch-militanten Kommunismus eigener Prägung. Huchel fehlt, doch wird einem versichert, er sei nun einmal seit eh und je ein Eigenbrötler, er lebe zurückgezogen auf seinem Landhaus, und, gewiß, mit „Sinn und Form“ sei es für ihn aus, doch beziehe er nach wie vor sein Gehalt als Mitglied der Akademie. Natürlich arbeite er – langsam wie immer – und eben jetzt bereite Rütten & Loening seinen neuen Gedichtband vor. Hermlin? Nun, nach dem letzten Krach habe sich der ja zunächst nach Moskau abgesetzt. Jetzt aber lebe er wieder in der DDR – und sei derzeit in Ungarn. Wer noch abwesend? Hofe natürlich; trotz nachdrücklicher Bemühungen des internationalen und des bundesdeutschen PEN seit sieben Monaten ohne Anklage in bundesdeutscher Untersuchungshaft. (Wobei es um ihn still geworden ist, in letzter Zeit. Die DDR-Presse erwähnt ihn nicht mehr, seit ein paar Wochen. Da braut sich etwas zusammen.)

Die da sind, sind erfreulich gelockert. Sie scherzen (scherzende Kommunisten!), sie sprechen, sie widersprechen einander. Westkontakte ablehnen? Nicht die Spur! (Ein Kollege aus einem der anderen Ostländer, den ich frage, ob für einen bestimmten Mann dort ein Brief von mir vielleicht von Schaden sein könnte, antwortet: „Das weiß ich nicht – ich bin schon seit zwei Wochen von zu Hause fort!“)