In der DDR macht sich neuerdings ein gewisses Unbehagen am sozialistischen Realismus bemerkbar. Eine Diskussion ist in Gang gekommen, die darauf abzielt, die marxistische Ästhetik aus allzu engen Bindungen zu befreien. Die Antirealisten verfügen über eine Trumpfkarte, die sie geschickt auszuspielen wissen. Sie berufen sich auf Pablo Picasso, und selbst die linientreuen Vertreter der marxistischen Kunstdoktrin können den Maler, der ihnen die Friedenstaube, ihr großes realistisches Symbol, geschenkt hat, nicht mit einem Achselzucken als Vertreter der Dekadenz und des bourgeoisen Formalismus abtun.

Über den gegenwärtigen Stand der Diskussion orientiert ein grundsätzlicher Artikel, den Klaus Weidner im Ostberliner "Sonntag" (Nr. 18, 1964) veröffentlicht hat. Er polemisiert gegen den Wortführer der Modernisten, Antirealisten und Picasso - Freunde, den Wiener Publizisten Ernst Fischer, der seinen Standpunkt in dem Buch "Von der Notwendigkeit der Kunst" (VEB Verlag der Kunst, Dresden), aber auch in mehreren Artikeln in der in Wien erscheinenden Monatszeitschrift für Demokratie und wissenschaftlichen Sozialismus klargemacht hat. Weidner ist, wie gesagt, linientreu, er vertritt die offizielle Kulturpolitik der DDR und bekennt sich ausdrücklich zum "Bitterfelcer Weg", demzufolge "auch das sozialistische Menschenbild der Kunst des organisierten, von der Partei geführten schöpferischen Ringens um seine Durchsetzung bedarf". Er bringt in seinem Artikel ("‚Guernica‘, Ernst Fischer und wir") so viele ausführliche Zitate von Fischer, daß man sich vorstellen kann, welche Wirkung das Buch auf die Offiziellen einerseits und auf die Intellektuellen und Künstler der DDR andrerseits gehabt hat.

Fischer plädiert dafür, den Begriff Realismus entweder derart zu erweitern, daß er auch Picasso, Léger, Matisse, Moore und andere umfaßt, oder auf ihn zu verzichten. Um diese für die marxistische Kunstdoktrin revolutionäre These zu begründen, greift er nun freilich wieder ins gewohnte marxistische Vokabular – für westliche Leser, die nicht wissen oder längst vergessen haben, wie man in einer Diktatur diskutiert, schwer zu begreifen. Diese Künstler seien Realisten, weil sie die kapitalistische Welt darstellten, wie sie wirklich ist, als "eine Welt ohne gesichertes Menschentum ... eine zerfetzte, zerstückelte Welt". Danach wären Moores durchlöcherte, in mehrere Teile zerlegte Figuren in einer kapitalistischen Gesellschaft realistisch, in einer Volksrepublik würden sie vermutlich heil und ganz werden.

Die als modernistisch, formalistisch und dekadent verketzerten westlichen Künstler seien aber auch deshalb Realisten, weil sie gegen das herrschende System opponiert und der Oberschicht den Dienst aufgesagt hätten. Das klingt ja nun schon fast wie Sedlmayr: Die Revolution der modernen Kunst wird mit einer politischen oder gesellschaftlichen Revolution gleichgesetzt und dann je nach dem politischen Standpunkt negativ oder positiv bewertet.

Klaus Weidner hat es natürlich leicht, seinem marxistischen Gegenspieler den Trugschluß nachzuweisen. Die Unterschiede zwischen formalistisch-abstrakter und realistischer Kunst würden sich, nach Fischer, auf ein einziges Kriterium reduzieren: auf die politische Haltung des Künstlers und ob er sich für oder gegen den Sozialismus erklärt. Die Fronten haben sich in dieser marxistisch ideologischen Spiegelfechterei verkehrt. Fischer, der Anwalt der "Modernen", argumentiert mit Gesinnung, sein Gegner will den Realismus mit Recht als ein formales Kriterium verstanden wissen.

Fischers Hauptargument richtet sich gegen die marxistische These, die Kunst ausschließlich soziologisch, das heißt als gesellschaftliches Phänomen zu verstehen. Er definiert sie als "eine globale Antwort auf die Gesamtheit der Fragen, die dem Künstler durch sein Zeitalter gestellt sind, durch seine familiären, sozialen, religiösen Umstände, durch seine persönliche Situation und seine Funktion, seine Liebesbeziehungen, durch die Totalität seines Lebens". Das wäre eine eher trivale als revolutionäre Erkenntnis, wenn sie nicht ein kommunistischer Schriftsteller geäußert hätte. Sie ist so selbstverständlich und unanfechtbar, daß Klaus Weidner beim Versuch, sie zu widerlegen, einfach ins Stammeln gerät und sich schließlich auf den "Bitterfelder Weg" (siehe oben) zurückzieht. Seine marxistische Picasso-Interpretation bringt ihn in unlösbare Widersprüche. "Die Sehnsucht nach der Poesie des Menschlichen in der Kunst hat Picasso auf seinem gesamten Lebensweg begleitet." Aber er wurde, leider, "zu einem Mitbereiter jener Zerstörung des eigentlich Künstlerischen, die mit der spätbürgerlichen Dekadenz verbunden ist". Selbst bei "Guernica" habe er künstlerisch versagt, weil er bis zu der entscheidenden weltanschaulichen Position der in Spanien kämpfenden und leidenden Menschen nicht vorgedrungen sei. So bleibt nur die Friedenstaube, "das Werk, mit dem er zu den Herzen von Millionen Menschen der ganzen Welt fand". Klaus Weidner wäre wahrscheinlich erschüttert, wenn er wüßte, daß gerade die Taube gar nicht als Symbol gemeint ist, sondern als eine Erinnerung Picassos an seinen Vater, der Tauben züchtete, und an die Tauben seiner Kindheit, die seine ersten Modelle waren ...

Was Weidner aber am meisten in Harnisch bringt und ihn zugleich völlig hilflos macht, ist Fischers These, daß der sozialistische Realismus im Grunde konservativ und reaktionär sei. "In der Kunst und Literatur der noch sehr jungen sozialistischen Gesellschaft herrscht die Tendenz vor, an den Formen der bürgerlichen Kunst vor allem des 19. Jahrhunderts festzuhalten. Diese konservative Tendenz einer aus der größten Revolution der Geschichte hervorgegangenen Kunst mag zunächst überraschen – geht es doch darum, sich eines durchaus neuen Inhalts zu bemächtigen." Historisch gesehen erscheine der ganze sozialistische Realismus als bürgerlicher Atavismus und reiner Eklektizismus, und allenfalls für die künstlerische Massenbedarfsgüterproduktion in einer Übergangsphase brauchbar. Dies aber, bemerkt Weidner mit Recht, wäre nichts weiter als die Bankrotterklärung des Realismus, "und die Diktatur des Abstraktionismus wird theoretisch gerechtfertigt". Warum aber Diktatur? Theoretisch ist er seinem Gegner nicht gewachsen.