Als die Ärzte in Belgien streikten, gab man ihnen zu bedenken, sie dürften dies nicht tun, oder sie müßten es anders tun. Tatsächlich treffen Streiks ja oft die Falschen. Hier nun ist ein japanisches Beispiel interessant. Die feinsinnigen Japaner wollten nicht Faulpelz sein, um ein besseres Leben zu erreichen; sie wollten auch dem Mitmenschen keinen: Schaden zufügen, um selbst höheren Lohn und andere Arbeitsbedingungen zu gewinnen. Ich spreche von den japanischen Straßenbahnern.

Alle Schaffner und Fahrer erklommen in Tokio pünktlich wie immer die Wagen und belebten den Stadtverkehr wie eh und je. Nur eines war anders: Sie kassierten nicht. Sie verkauften keine Billetts. Sie ließen die Mitmenschen gratis und franko fahren. Denn sie wollten ja durch ihren Streik das Straßenbahndirektorium treffen und nicht die unschuldigen Mitbewohner.

Kurze Zeit darauf streikten die Postbeamten und machten das so, daß sie weder Freimarken verkauften noch Gebühren erhoben. Sie beförderten strafportofreie unfrankierte Briefe und Pakete, Expreßsendungen und rekommandierte Stücke. Und wieder wurde niemand geschädigt, der außerhalb der Berufssphäre stand.

Ob Beispiele wie diese den deutschen Ärzten oder denen in Österreich etwas nützen können für den Fall, daß sie streiken wollen oder müssen, sei dahingestellt. In jedem Falle kann man begreifen, daß jüngst in Tirol kein sonniges Behagen über den Arztgesichtern lag, als sie von der Obrigkeit zur Kenntnis nehmen mußten, daß es künftig Einheitspreise für Operationen gibt. Der Arzt muß also den Blinddarm und seine Exstirpation dem Brötchenbacken, der Semmelerzeugung, der Kipferlhervorbringung gleichsetzen, und das tut kein Mediziner gern; ich kann’s verstehen.

Andererseits greift die moderne Lebensauffassung ebenfalls gebieterisch ins ärztliche Leben und Weben ein. So ist offenbar aus olympischen Kreisen der Wettkampfeifer ins ärztliche Dasein getreten. Denn wie hat man im goldenen Wien den neuen Chef für die II. Universitäts-Frauenklinik ausgesucht? Zwei vortreffliche Gynäkologen standen zu Gebote. Ein gelehrtes Komitee wurde betraut, sich über die chirurgischen Talente persönlich ein Urteil zu bilden. Das geschah so, daß man jedem der beiden Aspiranten an zwei verschiedenen Patientinnen die Möglichkeit bot, eine Wertheimsche Operation auszuführen. Man sieht, die edle Wettkampfidee, wie sie Pindar besungen hat, ist von der Sportarena in den Operationssaal geschwebt.

Eine ärztliche Fachzeitschrift hat die Tatsachen aufgegriffen, um zwei boshafte Zeichnungen zu drucken. Auf der einen sieht man zwei operationsbereite Chirurgen, die auf den Startschuß ihres Aufsichtsorgans warten. Darunter stehen die Worte: „Auf die Plätze!... Fertig!... Los!“ Auf der zweiten Zeichnung sieht man jenen triumphierenden Sieger, der am schnellsten seine Arbeit verrichtet hat, mit der Unterschrift: „Gewonnen, gewonnen, gewonnen!“

Nach dieser Publikation „rauschte es im Wiener Blätterwald“. Es donnerte pro, es blitzte kontra. Das Standesbewußtsein wurde bemüht, die Boulevardpresse verwünscht, und in einer kleinen Kaffeesiederei saß der alte Geheimrat Professor und Doktor E., rührte versonnen in seinem Kapuzinertäßchen und erklärte: