Berlin, im Mai

Heinz Kersten, Journalist und Schriftsteller, sitzt seit dem 12. Mai in einem DDR-Gefängnis. Der 37jährige Spezialist für kulturpolitische Fragen im Ostblock wird beschuldigt, für den Bundesnachrichtendienst Wirtschafts- und Militärspionage getrieben zu haben.

Heinz Kersten ist ein Pseudonym für Herbert König. Auf der Rückreise aus Prag wurde König sozusagen in zwei Phasen verhaftet. Im tschechoslowakischen Grenzort, wo auch schon DDR-Grenzsicherheitsorgane kontrollieren, nahmen sie ihm den Personalausweis ab, in Bad Schandau ergriffen sie ihn selbst.

Über das, was Spionage ist, herrschen diesseits und jenseits des Eisernen Vorhanges recht verschiedene Vorstellungen. In Ostberlin ist ein Telefonbuch schon geheime Staatssache (die interessierten Organisationen des Westens besitzen sie zwar, aber Westberliner Journalisten erhalten seines, wenn sie darum bitten). Die Ostberliner Behauptung, König habe sich nachrichtendienstlich betätigt, besagt also gar nichts. Ostberlin müßte sich schon dazu bequemen, mit Tatsachen aufzuwarten, um diese Behauptung zu fundieren. Bis dahin protestieren wir gegen Königs Verhaftung. R. B.