Von Ingeborg Haase

Wenn es die Sozialausschüsse der christlichdemokratischen Arbeitnehmerschaft nicht gäbe, gäbe es keinen Wandel der SPD.“ Hermann Josef Russe, neuer Hauptgeschäftsführer der Sozialausschüsse der CDU, macht aus seiner Haßliebe zur SPD keinen Hehl, einer Haßliebe, die wohl in den gleichen historischen Wurzeln der SPD und des linken CDU-Flügels die eine und in dem ständigen harten Konkurrenzkampf um Wähler und Seelen die andere ihrer Ursachen hat. „Unsere Tradition beginnt dort, wo die Arbeitnehmer anfingen, sich gegenüber den Arbeitgebern zur Selbsthilfe zusammenzuschließen.“

Die Bundessozialausschüsse bestehen heute aus 16 Landesverbänden und sind mit der christlichsozialen Arbeitnehmerschaft Bayerns in einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen. Nur von den Spitzenfunktionären wird die CDU-Parteizugehörigkeit gefordert. „Uns geht es im übrigen wie der gesamten christlich-demokratischen Volkspartei: Wir haben relativ wenige Mitglieder, aber eine große Anhängerschaft, eine regelrechte Bewegung von Gleichgesinnten.“

„Und wie halten Sie ’s mit der Religion

Der Katholik Russe, der selbst im abendlichen Gespräch bei prächtigem Moselwein in seiner Redeweise stets ein wenig den Anschein erweckt, als müsse er nun leider, gegen seinen Willen, ein Grundsatzprogramm verkünden, wirft einen Seitenblick auf sein riesiges Bücherregal, das mit zwei, drei Schritten für ihn erreichbar ist und ständig Beweise und Gedächtnisstützen bereithält. Diesmal jedoch erübrigt sich der Griff zum Folianten. „Wir sind nicht kon-konfessionell, sondern inter-konfessionell ausgerichtet, dabei aber durchaus das, was man ‚im Glauben fest gefügt‘ nennen sollte. Diese gemeinsam-konfessionelle Ausrichtung hat natürlich auch historische Ursachen. Schon die Kettler-Vereine der Mitte des vorigen Jahrhunderts faßten evangelische und katholische Christen zusammen. Nichts ist falscher, als uns auf dem Boden lediglich der katholischen Soziallehre anzusiedeln.“

„Trotz Ihrer doch immerhin konfessionellen Ausrichtung scheint Ihre Zuneigung keineswegs ungeteilt dem Christlichen Gewerkschaftsbund (CGB) zu gelten. Sie erwarten zwar von allen Ihren Mitgliedern, irgendwo gewerkschaftlich organisiert zu sein, betonen jedoch mit besonderer Vorliebe den gewerkschaftlichen Arbeitskreis der christ-demokratischen DGB-Mitglieder, zeichnen die Zugehörigkeit zu ihm in verlockenderen Farben als jene zum CGB.“

„Selbstverständlich können wir die vorhandenen Gewichtsverteilungen nicht ignorieren. Die Schwäche des CGB läßt sich ja gar nicht abstreiten. Und bedenken Sie doch, bitte, daß alle unsere geistigen Väter vor 1933 die Notwendigkeit der Einheitsgewerkschaft erkannten und auf sie hinarbeiteten. Diese Einheit kam schließlich nach dem Kriege zustande. Und es ist ja auch ganz logisch, daß die gewerkschaftlichen Aufgaben am besten zu erfüllen sind, wenn man der Einigung verhaftet ist. Freilich führten die mangelnde Integration der Angestellten im DGB zur Gründung der DAG, die mangelnde Integration der Beamten zum Deutschen Beamtenbund. Aus der im DGB bis zu einem gewissen Grade zwangsläufigen Verwässerung der Menschenwürde erklärt sich die Gründung des CGB. Dennoch bleibt die Einheitsgewerkschaft immer unsere Forderung.“