Von Werner Höfer

Ein Flugzeug flog von Frankfurt nach Schanghai. Seine Passagiere, darunter vier Bundesdeutsche, wurden mit chinesischer Höflichkeit und der Egmont-Ouvertüre begrüßt. Das Rote Reich der Mitte hatte allen Grund, die Landung dieses Himmelsvogels als spektakuläres Ereignis zu feiern. Denn mit diesem Flug war die chinesische Luftmauer zum ersten Male durchbrochen worden, alldieweil diese Maschine aus einem nichtkommunistischen Lande kam und die Luftverbindung mit der nichtkommunistischen Welt herstellte. Um den weltpolitischen Reiz des Vorgangs noch zu erhöhen, bedient sich die Pakistanische Luftgesellschaft, die diesen Ost-West-Liniendienst als erste aufgenommen hat, eines amerikanischen Düsentyps. Der Dienst konnte überhaupt erst aufgenommen werden, nachdem die Amerikaner zugestimmt hatten, daß Ersatzteile auch auf chinesischem Boden gelagert werden dürfen.

Unter den vier deutschen Passagieren, die in Schanghai die pakistanisch-amerikani- sche Maschine verließen und die rotchinesische Landepiste betraten, war auch ein junger Herr vom Rhein, Nachfahre eines alten preußischen Aristokraten- und Soldatengeschlechts, der freilich das Licht dieser Welt in Spanien erblickte. Der junge Herr ist kein Diplomat, kein Beamter, kein Politiker, sondern Geschäftsmann – Reisender in Reiseangelegenheiten, einer der Pioniere des Osttourismus, Pfadfinder in jene Länder, die bislang für Besucher aus dem Westen nur schwer oder überhaupt nicht zugänglich waren.

Folke von Knobloch gründete vor vier Jahren in Köln das Osttourist-Reisebüro, das er seitdem mit wachsenden Erfahrungen und steigendem Erfolg leitet, mit seiner Frau als Kommanditistin. Von dem Maiausflug nach Rotchina brachte er einen sensationellen Abschluß mit, der sein Etagenbüro in der Kölner Innenstadt inzwischen zum Treffpunkt von amerikanischen Fernsehreportern und europäischen Geschäftsleuten machte. An einem Morgen erreichten ihn allein, vier transatlantische Anrufe aus Toronto. Folke von Knobloch erklärt seine gegenwärtige Geistesverfassung mit der Farbanalyse: „Ich denke nur noch gelb.“

Daß es dazu kam, kam so: Von Schanghai wurden die Teilnehmer des pakistanischen Jungfernfluges nach Peking weitergeschleust. In Maos Hauptstadt bemühte sich der Osttourist-Chef um ein Gespräch mit dem Leiter des Internationalen Chinesischen Reisedienstes. Das überraschende Anfangsergebnis dieser Unterredung war die Zusicherung, daß sofort Touristenvisa für Besucher aus der nichtkommunistischen Welt ausgestellt würden – ausgenommen Bürger der Vereinigten Staaten, der Südafrikanischen Union und der Halb-Länder Südkorea und Südvietnam. Mit den USA sind die Rotchinesen aus mancherlei Gründen immer noch böse, vor allem wegen Formosa. Mit ihrer Ablehnung der Südafrikaner wollen sie offenbar dem übrigen Afrika die chinesische Solidarität in der Rassenfrage beweisen. Die Aversion gegen die Regierungen von Seoul und Saigon bestätigt nur die starken Bindungen zwischen dem kommunistischen China und den Genossen in den nördlichen Teilen Koreas und Vietnams.

Diese Vorbehalte hätten den deutschen Osttourist-Mann nicht gehindert, das Gespräch in Peking fortzusetzen. Als ihm jedoch von chinesischer Seite bedeutet wurde, die westlichen Touristen könnten nur einige wenige Städte besuchen, zu denen Peking nicht gehöre, wurde das Angebot für ihn uninteressant: „... denn eine Chinareise ohne Peking ist im Westen nicht zu verkaufen.“

Da aber die pakistanische Luftgesellschaft an einem lebhaften Zustrom von Reisenden interessiert ist, und da außerdem die Pakistani und die Rotchinesen wechselseitig um Verbesserung ihrer Kontakte bemüht sind, blieb eine Intervention von pakistanischer Seite nicht ohne Erfolg: Peking wird die größte und wichtigste der Städte sein, die der kapitalistische Tourist besuchen kann. Ministerpräsident Tschu En-lai hat diese Erweiterung des Programms ausdrücklich verfügt.