Tote auf Bestellung – die blutigen Zwischenfälle in der Südarabischen Föderation können fürwahr aus einem drittklassigen Kriminalfilm stammen. Da belegten die Engländer, erzürnt über die Waffenhilfe der Jemeniten für die südarabischen Rebellen, das jemenitische Grenzfort Harib mit Bomben. Kein Wunder, daß Nikita Chruschtschow in Kairo diesen Vorfall ausschlachtete, um die „Neokolonialisten“ vor aller Welt an den Pranger zu stellen: „Kann man es ruhig mit ansehen, wenn die Imperialisten auf barbarische Weise friedliche Städte und Dörfer der freien Republik Jemen bombardieren?“ Und die aufgebrachten Araber stimmten lauthals in seine Schimpfkanonade ein.

Nicht minder empört reagierten die Briten, als jüngst bekannt wurde, daß die aufständischen Beduinen in den Radfan-Bergen zwei englischen Soldaten die Köpfe abgeschlagen hätten. Selbst der Opposition, die zuvor den Bombenangriff verurteilt hatte, blieb nun nichts anderes übrig, als die Aktionen der Londoner Regierung zum Schutze der Südarabischen Föderation gutzuheißen. Sie wandte nun auch nichts mehr dagegen ein, daß weitere Truppenkontingente nach Aden geflogen wurden. So kam es, daß der „vergessene Krieg“ – wie die monatelangen Scharmützel an der jemenitisch-arabischen Grenze im Süden der Halbinsel genannt wurden – plötzlich wieder Schlagzeilen machte.

Dabei sind die Engländer in einer höchst unglücklichen Position. Sogar in den Reihen der Konservativen wächst der Unmut über die hinhaltende Politik der Londoner Regierung. Lohnt es sich denn überhaupt noch, so fragen sie, für Aden und die Föderation zu kämpfen? War es nicht ein Trugschluß, zu glauben, der Zusammenschluß der 14 Scheichtümer, Sultanate und Emirate hätte Bestand? Die selben Kritiker bezweifeln auch heute, daß dem Hafen von Aden – einst eine mächtige britische Bastion zur Verteidigung politischer Interessensphären und zur Sicherung des Erdölnachschubs – noch eine strategische Bedeutung zukomme. Und es sind nicht etwa nur die Anhänger der Labour- Parei, die meinen, die Zeit der Stützpunkte auf fremdem Boden sei vorbei, die Araber würden England auch „freiwillig“ ihr Öl verkaufen, da es ihnen weder die Russen noch die Chinesen abnehmen können.

Tatsächlich hat London in der Föderation kaum mehr als sein Prestige und die Freundschaft der Scheiche zu verlieren. Es ließ sich zu lange Zeit, auch in diesem Teil ihres ehemaligen Herrschaftsgebietes für einen reibungslosen, friedlichen Übergang zur Unabhängigkeit zu sorgen. Heute proklamieren die Jemeniten die südarabischen Gebiete zu Provinzen eines „Groß-Jemen“, ereifert sich Nasser, es sei die Mission der Araber, „England aus allen Teilen der arabischen Welt zu vertreiben“, droht auch in Aden – ausgelöst durch Streikaufrufe der Kairohörigen Gewerkschaften und der dort lebenden 50 000 Jemeniten – ein Aufstand gegen die britischen „Kolonialherren“.

Nun erst, unter dem Druck der Ereignisse, ist London bereit, über einen Unabhängigkeitsstatus der Kronkolonie Aden und über die Zukunft der Föderation zu verhandeln. Zu dieser Zusage sah sich Commonwealth-Minister Duncan Sandys nach seiner letzten Inspektionsvisite in dem umstrittenen Gebiet gezwungen.

So aussichtslos es im Augenblick scheint, die von Kairo und dem Jemen mit Waffen und Parolen unterstützten Guerillas in den Radfan-Bergen zu bezwingen, so schwierig wird es sein, einen politischen Ausweg aus dieser Sackgasse zu finden. Während Nassers Gefolgsleute unter den Beduinen und den oppositionellen Intellektuellen in der Hafenstadt den Anschluß der Föderation an den Jemen verlangen, sträuben sich Adens reiche Kaufleute und die reaktionären Sultane, für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Provinzen auch nur einen Penny auszugeben. Sie erwarten vielmehr, daß ihnen die Engländer diese Last abnehmen und ihnen weiterhin die Treue halten. Ohne die Briten, das wissen sie nur zu gut, würde die Föderation wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Dieser Gefahr ist sich natürlich auch London bewußt. Daher verkündet Duncan Sandys: „Wir sind entschlossen, diese Angelegenheit durchzuhalten und den Frieden wiederherzustellen.“ Mit britischen Bomben und Fallschirmjägern allein freilich wird der Minister auf die Dauer diesen Frieden nicht erzwingen können.Vielleicht gelingt es ihm nun eher, in den für Juni angekündigten Verfassungsgesprächen, zu retten, was noch zu retten ist. D. St.