In die Reihe jener Gesellschaften, die von den Aktionären neues Kapital zum Ausbau der Produktionskapazitäten fordern, hat sich nunmehr auch die Phrix-Werke AG, Hamburg, gesellt. Damit tritt sie in eine neue Phase ihrer bewegten Geschichte ein. Die jetzt abgeschlossene diente der Konsolidierung und war deshalb so lang, weil das Unternehmen dank unerquicklicher Geschäfte früherer Vorstandsmitglieder an den Rand des Abgrunds geführt worden war. Ein vollständiger Konzernumbau und vor allen Dingen der damals zu Hilfe gerufene neue Vorsitzende des Vorstandes, Michael Zahn, haben die Gesellschaft wieder zu einem gesunden Unternehmen gemacht.

In den Börsensälen, meine verehrten Leser, ist in den letzten Wochen über die Preiswürdigkeit der Phrix-Aktie viel diskutiert worden. Schon daraus mögen Sie erkennen, daß es sich bei dem Papier um eine „interessante“ Aktie handelt, die sowohl Chancen als auch Risiken in sich vereinigt. Das ist sicherlich keine besondere Eigenschaft einer Gesellschaft, die sich im Chemiefaserbereich bewegt, wo das, was heute noch reißenden Absatz findet, bereits morgen als veraltet gelten kann. Wer auf dem Wellenkamm der Chemiefaser-Welle schwimmen will, muß deshalb besondere Anstrengungen unternehmen, um im Rennen zu bleiben. Daß dies der Phrix in den vergangen Jahren trotz ihrer beengten finanziellen Verhältnisse gelungen ist, scheint mir die größte unternehmerische Leistung zu sein.

Wer aber heute aufmerksam verfolgt, was auf dem Gebiet der Chemiefasern geschieht, kann ermessen, daß eine Gesellschaft wie Phrix sich entscheiden muß, ob sie im Ringen um die künftigen Marktanteile langsam unterliegen oder durch den Ausbau ihrer Kapazitäten auch weiterhin eine Rolle spielen will. Die Entscheidung ist zugunsten der Investitionen gefallen, durch die die Produktionskapazitäten an voll synthetischen Fasern so ausgeweitet werden sollen, daß diese Fasern nicht – wie bisher – mit 20, sondern mit 40 Prozent am Gesamtumsatz beteiligt sein werden. Dazu sind innerhalb von rund zwei Jahren etwa 50 Millionen Mark erforderlich.

Wenn Phrix jetzt das vollsynthetische Bein stärken will, so liegt dem die Erkenntnis zugrunde, daß bei steigendem Lebensstandard in der Welt der Verbrauch an vollsynthetischen Fasern zunimmt. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich der Verbrauchsanteil der Chemiefasern in der Welt verdoppelt. Diese Tendenz wird anhalten. Deshalb ist der Phrix-Vorstand davon überzeugt, daß die überall in der Welt entstehenden neuen Produktionskapazitäten für Chemiefasern auch eine auseichende Beschäftigung finden werden.

Das 50-Millionen-Investitionsprogramm läuft außerhalb der sonstigen Investitionen, die jährlich etwa 10 bis 15 Millionen erfordern werden. Daher kann man davon ausgehen, daß die Phrix ihr Investitionsvolumen künftig verdoppeln wird. An der Finanzierung müssen die Aktionäre ihren Beitrag leisten. Sie sind aufgerufen, junge Aktien im Verhältnis 5:2 zum Kurs von 175 Prozent zu übernehmen (dadurch wird das Kapital von 55 auf 77 Millionen erhöht). Durch das Agio kommen aus der Kapitalerhöhung etwa 36 Millionen in die Phrixkasse, weitere 14 Millionen werden Abschreibungen sowie zusätzliches Fremdkapital liefern. Seit 1952, als die Gesellschaft praktisch auf dem Nullpunkt beginnen mußte –, sind für 150 Millionen investiert, und davon 147 abgeschrieben worden. In den letzten Jahren waren die Investitionen höher als die Abschreibungen.

Der Vorschlag zur Kapitalerhöhung ist den Verantwortlichen sicherlich nicht leicht gefallen. Künftig muß ein beträchtlich höheres Kapital mit einer Dividende bedient werden, also kommen neue Lasten auf die Gesellschaft zu. Erleichtert wird die Kapitalaufnahme durch den relativ hohen Ausgabekurs von 175 Prozent bei einem Aktienkurs, der zwischen 240 und 250 Prozent schwankt. Dieser Ausgabekurs erlaubt die Verstärkung der Rücklagen, die sich per 3. Dezember 1963 mit 14,5 Millionen bei einem Aktienkapital von 55 Millionen in dieser risikovollen Branche recht bescheiden ausmachen.

Um die Kapitalerhöhung zu erleichtern (der Börsianer wird sagen: zu ermöglichen), ist die Dividende für 1963 von 8 auf 10 Prozent erhöht worden. Das Geld für die Mehrausschüttung geht der Rücklagenzuweisung verloren, denn 1963 konnten die offenen Reserven nur mit einem Betrag von 1,5 gegenüber 2,7 Millionen im Jahr zuvor bedient werden. Die Phrix tut hier das, was auf zahlreichen Hauptversammlungen von den Kleinaktionären gefordert wird: Möglichst den gesamten Gewinn ausschütten und das Geld durch eine Kapitalerhöhung wieder hereinholen. – Der Leidtragende dieser Politik ist das Finanzamt, das bei der höheren Ausschüttung wegen des niedrigeren Körperschaftssteuersatzes für ausgeschüttete Gewinne mit weniger Steuern zufrieden sein muß. Gegen eine solche Politik ist nichts einzuwenden. Aber die auf 10 Prozent erhöhte Dividende darf keine Eintagsfliege bleiben. Dazu Vorstandsvorsitzender Michael Zahn: „Ich würde ungern die Dividende nach Durchführung der Kapitalerhöhung senken!“ Natürlich kann er heute noch keine Garantie geben, aber der Wille für eine faire Dividendenpolitik ist vorhanden. Bislang sind auch keine Ereignisse erkennbar geworden, die einen Pessimismus in dieser Hinsicht, rechtfertigen würden.