Washington, im Mai

Erst haben uns die Amerikaner bombardiert und dann die Russen.“ Der dies sagte, war ein rumänischer Diplomat – einer, der vor zwei Jahren sicherlich nur von den „sowjetischen Befreiern“ gesprochen hätte. Er sagte es auf dem Dulles-Flughafen in Washington, kurz vor dem Eintreffen der Bukarester Regierungsdelegation unter Leitung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Gaston-Marin. Ob Moskau Einwände gegen die bevorstehenden rumänisch-amerikanischen Handelsbesprechungen erhoben habe? „Wie könnten sie denn! Die treiben ja selbst Handel mit den USA. Außerdem sind wir eine unabhängige sozialistische Nation und machen, was wir für richtig halten.“

Das wurde nicht forsch und aufbegehrend dahergesagt; es kam ganz gelassen und bestimmt aus dem Mund eines Funktionärs, der sich seiner Sache sicher ist. Und er verwies auf das Dokument der rumänischen Kommunisten von Ende April, in dem der eigene Weg zum Sozialismus mit der gleichen unbedingten Folgerichtigkeit proklamiert wird, mit der ihn Tito vor siebzehn Jahren bereits beansprucht hat.

Die Amerikaner sind sich des Wandels bewußt. Sie haben die Besprechungen mit den Rumänen seit fast sechs Monaten gut vorbereitet. Große Dinge erwarten sie nicht, aber wesentlich erscheint ihnen, daß die Starre nachläßt und die osteuropäischen Länder ihre traditionelle Wirtschaftsbeziehung zum Westen wiederherstellen. „Uns kommt es nicht darauf an, sie zu abenteuerlichen Unternehmen zu veranlassen“, erläuterte ein US-Diplomat. „Es genügt, daß sie beginnen, ihren Kurs selbst zu bestimmen. Moskau muß mit einer Vielfalt von Willensbildung im eigenen Machtbereich rechnen lernen. Schon das schafft eine ganz andere Lage.“

Die Verhandlungen werden etwa vierzehn Tage dauern. Es geht dabei nicht um sehr große Objekte. Der amerikanisch-rumänische Handel ist bisher minimal, in der Größenordnung von 3 bis 4 Millionen Mark jährlich in jeder Richtung. Aber die Rumänen brauchen jetzt Industrieausrüstungen. Franzosen und Engländer bauen schon in Rumänien, und die Amerikaner sollen mitwirken, um ihrer Industrie zur Autarkie zu verhelfen. Fabriken für synthetischen Kautschuk, Kredite für Werkzeugmaschinen und wenn möglich die Meistbegünstigungsklausel für rumänische Exporte – danach strebt die Bukarester Delegation. Auch ist daran gedacht, die beiderseitigen Gesandtschaften zu Botschaften zu erheben.

Neben Gaston-Marin gehören nicht weniger als drei Minister zu der Bukarester Abordnung. Ihr Gegenüber im State Department ist Averell Harriman – der Mann, der voriges Jahr mit den Sowjets den Testbannvertrag schloß.

Joachim Schwelien