Die zweite Phase der Ausländerbeschäftigung

Von Valentin Siebrecht

Während die Sonderzüge und Sonderwagen mit ausländischen Arbeitern in den Münchener Hauptbahnhof einrollen, stehen die Dolmetscher der Arbeitsverwaltung mit ihren Handlautsprechern bereit, um den Neuankömmlingen die ersten Informationen und Hinweise zu geben und sie in die wohlausgestattete Ausländerstelle, tief unter dem Bahnhof, zu leiten. Hier werden die Arbeiter verpflegt, während die Musik muntere Schlager aus ihrer Heimat spielt; sie können sich ausruhen, waschen, im Bedarfsfall übernachten und sie erhalten ärztliche Hilfe, wenn dies notwendig ist. Zu Hunderten und manchmal bis an die Tausend heran sitzen sie in den langen Warteräumen oder stehen rauchend und plaudernd an den Theken. Immer wieder treten sie vor die große Deutschlandkarte und suchen mit dem Finger den Ort, an dem sie später wohnen und arbeiten werden.

München ist in den letzten Jahren die große Drehscheibe der gelenkten Wanderungsströme aus Süd und Südost geworden. Hier, von der „Weiterleitungsstelle für Ausländer“, einer Einrichtung der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, gehen die Kontakte zu den Außenstellen der Bundesanstalt in Verona, Neapel, Athen, Saloniki, Istanbul und Ankara, von hier werden die Gruppenfahrten organisiert und überwacht; München ist Endpunkt der Anreise und Ausgangspunkt der Weiterfahrt zum Arbeitsort, an den die Ausländer nach kürzerer oder längerer Wartezeit in Gruppen oder einzeln Weiterreisen.

Eine wesentliche Rolle spielt seit 1960 auch die Anwerbung in Spanien, wo die Bundesanstalt in Madrid eine Außenstelle hat; eine weitere Stelle is soeben – für Portugal – in Lissabon eingerichtet. Aus den westlichen Anwerbeländern kommen die Ausländer nach Köln, wo eine gleichartige „Weiterleitungsstelle“ arbeitet. Verfahren und Anwerbungsgrundsätze sind überall durch besondere Vereinbarungen mit den ausländischen Regierungen geregelt. Die deutschen Stellen sind auf die Zusammenarbeit mit den fremden Verwaltungen angewiesen; denn direkt anwerben dürfen auch die deutschen Amtsstellen im Ausland nicht.

Neue Rekordzahlen

Diese amtliche Anwerbung hat in den letzten Jahren das Gros der Ausländer nach Deutschland gebracht. Nach langsamem Anlaufen in Italien seit Anfang 1956 hat der große Zustrom dann 1960 eingesetzt, wobei nicht nur die günstige Konjunkturentwicklung, sondern eigentlich noch mehr die Tatsache maßgebend gewesen ist, daß der Aufbau der Bundeswehr sehr viele Menschen als Soldaten und Verwaltungspersonal beanspruchte, daß die Jahrgangsstärken der neu berufstätigen Jugendlichen damals einen Tiefpunkt erreicht hatten und der Zustrom aus der Sowjetzone stark zurückgegangen, ab August 1961 praktisch abgeschnitten war. Unter diesen Umständen ist es verwunderlich, daß die Zahl der Ausländer – Ende März 837 000 – nicht noch stärker angestiegen ist. Vieles ist durch die ständig fortschreitende Rationalisierung und Technisierung der Betriebe, auch schon durch Übergang zur Teil- und Vollautomation, aufgefangen worden.