Von Theo Löbsack

Über den Niederlanden, der Heimat ungezählter Seevögel, ist die Koexistenz von Flugzeugen und Vögeln problematisch geworden. Die holländische Luftwaffe registrierte in den letzten sieben Jahren 413 Zusammenstöße ihrer Maschinen mit Vögeln. Allein im Jahre 1959 machten diese Kollisionen ein Viertel aller Militärmaschinen vorübergehend aktionsunfähig. Auch die zivile Luftfahrt klagt über derartige Unfälle, deren Zahl jedoch offiziell nicht bekannt ist. Die Befürchtung der Luftfahrtgesellschaften, ihre flugfreudigen Reisegäste abzuschrecken, führt hier zu einer Dunkelziffer. Möglicherweise sind hier die Zusammenstöße mit Vögeln noch zahlreicher als bei den Militärmaschinen. Riesenklipper und Vogelscharen scheinen sich einen erbitterten Kampf um das Recht auf den Luftraum zu liefern.

Ähnlich übel wie den Holländern, spielen die Vögel den amerikanischen Militärpiloten auf den Midway-Inseln im Pazifischen Ozean mit. Dort sind es Albatrosse, die mit ihrem standhaften Ausharren an den Brutplätzen die Rollbahnen unsicher machen. Alle Versuche, die Albatrosse aus der Umgebung des amerikanischen Militärflughafens zu vertreiben, schlugen bisher fehl. Man hat es mit Rauch, Lärm und Vogelscheuchen versucht – vergeblich. Man hat Schreckschußapparate ausprobiert, aber die Schüsse lockten die neugierigen Tiere nur an. Zwanzig von zwei Dutzend Albatrossen, die in Käfigen nach Japan, in die USA, auf die Aleuten und die Philippinen zwangsevakuiert wurden, kehrten ungerührt auf die Midways zurück. Selbst der verzweifelte Versuch, die Segler dadurch zu vertreiben, daß man die Dünen einebnete, über denen sie den Aufwind für ihre Flugkünste ausnutzen, brachte keinen durchschlagenden Erfolg.

Im Überschallbereich wirkt der Zusammenstoß mit einem Vogel auf das Flugzeug wie ein Geschoßeinschlag. Aber auch bei geringerer Geschwindigkeit können Vögel für die Maschinen und ihre Insassen sehr gefährlich werden. Das bewies der Absturz eines Turboprop-Flugzeugs vom Typ „Electra“ unmittelbar nach dem Start über dem Bostoner Hafen am 4. Oktober 1960. Ursprünglich vermuteten die Experten einen technischen Fehler als Ursache des Unglücks, bei dem 61 Menschen ums Leben kamen. Aber dann fanden sich auf der Rollbahn rund zweihundert tote Stare. Wahrscheinlich war ein Schwarm in die Turbinen der Unglücksmaschine geraten. Erst wenige Wochen vor der Katastrophe hatte man sich auf dem New Yorker Flughafen Idlewild gezwungen gesehen, wiederholt Rollbahnen zu sperren, weil Schwärme ziehender Schwalben den Betrieb blockierten.

In Holland hat der Ornithologe Dr. J. Hardenberg unlängst aus den Vereinigten Staaten Speziallautsprecher importieren lassen, mit denen er auf Band genommene Angstrufe amerikanischer Heringsmöwen aussandte. Das lautstarke Furioso von Vogelgekreisch wurde jedoch ein Mißerfolg: Entweder erkannten die Möwen den Schwindel an dem fremden „Dialekt“ ihrer amerikanischen Verwandten oder die Lautsprecherstimmen klangen zu unecht. Auch als Hardenberg die Angst- und Warnrufe holländischer Heringsmöwen aufnahm und von einem Jeep aus durch einen Lautsprecher längs der Rollbahnen des Leeuwener Militärflugplatzes ertönen ließ, flogen die Tiere nur flüchtig auf. Erst als der Vogelbekämpfer eine Batterie von 23 Großlautsprechern neben den Rollbahnen installieren ließ, ging die Rechnung auf, und die Möwen hielten sich in respektvoller Entfernung.

Bis zum Jahre 1966 wollen zehn holländische Militärflugplätze die Hardenbergschen Anti-Vogel-Lautsprecher einsetzen. Die zivilen Flughafenleitungen halten sich dagegen noch zurück. Sie beschränken sich vorerst darauf, Lautsprecherwagen auf die Pisten zu schicken, um den startenden und landenden Maschinen mit den Schreckensrufen der betreffenden Vogelarten die Wege zu ebnen, wenn Gefahr droht.

Die Unglücksfälle in der Nähe der Flughäfen gingen inzwischen merklich zurück. Gefahr droht aber nach wie vor bei Vogelunfällen während des Fluges. Angesichts des wachsenden und schneller werdenden Luftverkehrs überlegen sich daher die Holländer, ob sie die Piloten nicht nur mit Wettermeldungen, sondern auch mit einem Vogel-Warndienst versorgen und Radargeräte einsetzen sollten, um wandernde Vogelscharen rechtzeitig zu erkennen.