New York, Mitte Mai

Die Entwicklung der Aktienkurse in der Wallstreet steht zu den Börsentendenzen an den europäischen Märkten in auffallendem Kontrast. Wenn kürzlich in der wöchentlichen Börsenbetrachtung der ZEIT festgestellt wurde, die internationalen Anleger, die gerade wieder an den deutschen Aktien Geschmack zu gewinnen begannen, seien durch die Maßnahmen der deutschen Bundesregierung gegen die „Gebietsfremden“ verärgert worden, so trifft das besonders auch auf die amerikanischen Investoren zu. Tatsächlich haben besonders die von der schweizerischen und der deutschen Bundesregierung in letzter Zeit getroffenen Maßnahmen gegen die Ausländer bzw. Gebietsfremden die amerikanischen Anlegerkreise erneut abgeschreckt, sich stärker an den europäischen Märkten zu engagieren.

Wenn auch Wallstreet während der letzten beiden Aprilwochen einen kurzen und sehr mäßigen Rückschlag erlebt hat, so steht das Börsenbarometer seit Anfang Mai wieder ausgesprochen auf „Schönwetter“. Der Rückschlag im April war in New Yorker Börsenkreisen seit langem erwartet worden, nachdem der Aktienindex seit Dezember einen Gewinn um 61 Punkte zu verbuchen hatte, ohne daß eine Korrektur stattgefunden hätte. Das Tempo der letzten Phase des Aufschwunges war ein wenig zu rasch gewesen. Die April-Korrektur war daher durchaus normal und bedeutete in keiner Weise eine Wendung der aufwärts gerichteten Börsentendenz in Wallstreet. Teilweise konnte man in Wallstreetkreisen ein Bedauern darüber hören, daß der Rückschlag möglicherweise nicht weit genug gegangen sei. Eine etwas stärkere und ein wenig länger anhaltende Abwärtsbewegung der Aktienkurse hätte den Markt wahrscheinlich weniger verwundbar gemacht.

Die überwiegende Meinung geht in New Yorker Börsenkreisen dahin, daß die Korrekturphase abgeschlossen sein dürfte, was natürlich kleinere Einbrüche nicht ausschließt. Die Wiederaufnahme der Aufwärtsbewegung in der ersten Hälfte des Mai war mehreren Ursachen zu verdanken. Einer der Hauptfaktoren bestand im sogenannten „Short Covering“, d. h. dem Wiederkauf von Aktienwerten seitens der Baissespekulation, die zuvor sogenannte „Leerverkäufe“ (Short Selling) vorgenommen hatte. Durch diese neuen Aktienkäufe suchte sich die Baissespekulation gegen die günstigen Wirtschaftsnachrichten zu sichern, die fast am laufenden Band einliefen und auch das breite Anlegerpublikum beeindrucken mußten. Solange dieser starke Strom von Wirtschaftsnachrichten anhält, muß selbst die beherrlichste Baissespekulation einen schweren Stand haben.

Einen zweiten schweren Schlag für die Baissespekulation bildete die von dem Chairman des Federal Reserve Board, William McChesny Martin, vor dem Ende vergangener Woche abgegebene Erklärung, mit der er die Möglichkeit von Kreditbeschränkungen oder gar eine Diskonterhöhung in absehbarer Zukunft in entschiedener Weise in Abrede stellte. Eine große Anzahl von Anlegern und besonders auch von Börsenmaklern hatte in letzter Zeit eine vorsichtige Haltung gegenüber neuen Aktienkäufen gezeigt, weil sie in näherer Zukunft Kreditbeschränkungen befürchteten, die sowohl Auswirkungen auf die Konjunkturentwicklung wie auch auf die Tendenz der Aktienkurse hätten haben können.

In seriösen Anlegerkreisen macht es einen guten Eindruck, daß die Marktführung seit den Rückschlag im April wieder stärker von den spekulativen Aktientiteln auf die traditionell führenden Werte der Stahl-, Automobil- und Petroleumindustrie und andere hochqualifizierte Papiere übergegangen ist. Recht umfangreiche Käufe von Stahlwerten kamen sowohl aus den amerikanischen Anlegerkreisen wie besonders auch aus dem Ausland. Dieses verstärkte Interesse an Effekten der führenden Stahlgesellschaften erscheint deshalb verständlich, weil die Entwicklung in der amerikanischen Stahlindustrie im Laufe der letzten Monate höchst eindrucksvoll verlaufen ist. Angesichts der überaus lebhaften Nachfrage nach Stahlprodukten nahm die Stahlproduktion der USA in der letzten Zeit von Woche zu Woche zu. In der am 10. Mai beendeten Woche erreichte sie einen Rekordstand seit elf Monaten von nahezu 2,5 Millionen Tonnen. Für den Monat Mai erwartet man in Industriekreisen einen neuen monatlichen Höchststand, und man kann gegenwärtig häufig die Meinung hören, der im Sommer wegen des Wechsels der Automodelle und der Sommerferien saisonübliche Rückgang der Stahlproduktion werde in der bevorstehenden Sommersaison nicht so scharf sein, wie es meistens der Fall zu sein pflegt.

Die Aktien der großen Autokonzerne, insbesondere von General Motors und Chrysler, wurden durch die über alles Erwarten gute Autokonjunktur begünstigt. Im April erreichten die Verkäufe des Autohandeis mit mehr als 751 000 Personenautos einen neuen Höchststand und lagen erneut um 7 Prozent höher als im gleichen Monat des vorigen Jahres. Für das laufende Jahr sind die Erwartungen der Autoindustrie bezüglich des Gesamtabsatzes sehr hochgespannt.