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Sind Schimpansen verhinderte Menschen?

Von Vitus Dröscher

Die Vorstellung, daß der Mensch von affenähnlichen Kreaturen abstammt, hat die Gemüter insbesondere deswegen so schockiert, weil man unsere Vorfahren mit den "Teufelsfratzen" hinter Zoogittern verwechselte und sich von diesen Tieren ein völlig falsches Bild machte. Gefangene Schimpansen werden mit zunehmendem Alter in der Tat oft albern, mürrisch, gewalttätig und obszön. So entstanden jene Legenden, in denen behauptet wird, wir wären "Kains Söhne", "Halbaffen und keine Halbgötter", "Träger bestialischen Erbes".

In freier Wildbahn jedoch sind Schimpansen majestätisch, selbst in der Erregung würdevoll und gutmütig. Niemals bringen sie sich gegenseitig um. In vielen Situationen reagieren sie durchaus menschlich. Sie stellen Eßwerkzeuge her und Waffen zum Kampf gegen Leoparden, sie halten sich bisweilen andere Affenarten als "Haustiere", zeigen Sinn für dekorative Kunst und erschrecken als einzige Tiere der Welt vor dem Tod. Sie kennen Tradition, rituelle Bräuche, und sie sind trotz sozialen Zusammenlebens größere Individualisten als der Mensch.

Diese erstaunlichen Tatsachen haben zwei Expeditionen ans Licht gebracht: Im vergangenen Jahr verbrachten unabhängig voneinander der holländische Zoologe Dr. Adriaan Kortlandt von der Universität Amsterdam und die junge englische Forscherin Jane Goodall mehrere Monate in den Schimpansen-Beobachtungs-Reservaten Zentralafrikas. Das Ziel der beiden Forscher war es, menschliche Züge im Tier und die tierischen Wurzeln des Menschen zu erforschen.

Die meisten Leute glauben, Schimpansen wohnten hoch oben in den Bäumen des Urwalds und schwängen sich von Ast zu Ast. Indes, Schimpansen sind vorwiegend Fußgänger; ihr natürlicher Lebensraum ist vielfältiger als der aller anderen Primaten. Er reicht von extrem armen und trockenen Baumsteppen, ärmlichen Flußwäldern, unzugänglichen Sümpfen, feuchtheißen Urwäldern bis zu nebligen, eiskalten Berghöhen um 2400 Meter. Selbst im dichten Urwald läuft der Schimpanse zu Fuß von Baum zu Baum. Im undurchdringlichen Bodengestrüpp hat er ein Straßensystem von Tunnelgängen angelegt.

Sogar in baumarmen Savannen können Schimpansen leben, jedoch nur dort, wo es entweder keine Menschen gibt oder wo Schimpansen aus religiösen Gründen nicht gejagt werden dürfen. Diese Tatsache führte Dr. Kortlandt zu einer von zahlreichen anderen Forschungsergebnissen gestützten, für die menschliche Frühgeschichte bedeutsamen Hypothese:

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Die Vorfahren des Schimpansen bewohnten nicht die Urwälder, sondern Baumsavannen, Flußwälder und parkähnliche Landschaften. Unsere affenmenschlichen Vorfahren, die ebenfalls nicht aus dem Urwald, sondern aus dem Flachland stammen, konnten ihnen dort zunächst nichts anhaben, denn ein erwachsener Schimpanse hat in einem Arm soviel Kraft wie ein Mensch in beiden, und sein Gebiß ist mächtiger als das eines Leoparden. Aber als vor etwa einer Million Jahren ein Hominid auf der Stufe zwischen Australopithecus und Pithecanthropus den Speer erfunden hatte, mit dem man im offenen Gelände aus sicherem Abstand stechen, werfen und töten konnte, wurden die Schimpansenvorfahren aus ihrer Heimat zu einem Flüchtlingsdasein in die Urwälder abgedrängt.

Aus dem Felde geschlagen

Dieses Ereignis muß lähmend auf die Entwicklung der Schimpansen gewirkt haben. Fossile von Australopithecinen zeigen, daß das Hirnvolumen dieser frühen Affenmenschen kaum größer war als das der heutigen Schimpansen. Doch mit diesem Gehirn vermochten sie vor Millionen Jahren einen humanoiden Typ von Kultur zu entwickeln. Unser nächster Verwandter im Tierreich dagegen blieb im Animalischen stecken. Denn als der Mensch entstanden war, hatten menschliche Eigenschaften für das Überleben des Schimpansen keinen Wert mehr. So blieb der Schimpanse ein verhinderter Mensch.

Wie würde die Welt heute aussehen, wenn die Schimpansenahnen vor dem Menschengeschlecht den Speer erfunden hätten? Diese Frage ist gar nicht so überspitzt wie es scheint, denn Kortlandt entdeckte im Kongo, daß Schimpansen Hiebwaffen benutzen, und zwar im Kampf gegen Leoparden.

Am Ausgang eines Schimpansentunnels hatte der holländische Zoologe einen ausgestopften Leoparden aufgestellt und mit Laub getarnt. Als eine Gruppe Schimpansen herankam, zog er die Tarnung weg. Was nun geschah, schildert Kortlandt so:

"Dreißig Sekunden lang herrschte Todesstille. Dann brach die Hölle los. Mit ungeheurem Geschrei stürmten die Schimpansen zum Angriff auf den Leoparden, meist zweibeinig laufend. Sie sprangen auf die umstehende Bäume und schaukelten so wild, daß zwölf Papayabäume von sieben Meter Höhe umstürzten. Kleinere Bäume brachen sie mit einem Ruck ab, hielten auf diese Weise bis zu zwei Meter lange, armdicke Knüppel in der Hand, schwangen sie wütend, rannten damit auf ihren Todfeind zu und schleuderten sie mit solcher Kraft, daß ein Papayabaum zum Beispiel in drei Stücke zersplitterte."

In dieser Affengruppe waren sonderbarerweise fast nur Muttertiere. Durch Handzeichen gaben sie ihren Jungen zu verstehen, hinten zu bleiben; dann stürmten sie knüppelschwingend vor, stoppten aber einige Meter vor dem Leoparden und rannten dann schnell zurück, um ihr Kind leidenschaftlich an die Brust zu drücken.

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Wie sich männliche Schimpansen bei einem solchen Angriff verhalten, konnte leider noch nicht geklärt werden. Kortlandt hatte den Eindruck, die Mütter riefen laut um Hilfe. Ihr Schreien war kilometerweit zu hören, aber die männlichen Krieger erschienen nicht. Merkwürdig war jedoch, daß die Weibchen nur einen Kreisbogen von 150 Grad um das Kopfende des Leoparden bildeten. War ihr Wüten vielleicht nur ein Scheinangriff und warteten sie auf den Angriff der Männer aus dem Hinterhalt? Die Wildhüter des Albert-National-Parks im Kongo behaupten, daß ein Leopard zuspringt, wenn man einen Stock nach ihm wirft. Es könnte also sein, daß die weiblichen Schimpansen den Leoparden von vorn zum Sprung provozieren, während die Männer hinter ihm in Deckung liegen und auf die Gelegenheit warten, sich auf. das heranspringende

Im Juni will Dr. Kortlandt das Experiment mit einem lebenden Leoparden wiederholen. Zeigt es sich, daß Schimpansen einen Leoparden tatsächlich mit Knüppeln schlagen, dann kann man die Folgerung ziehen, daß bereits der gemeinsame Vorfahr von Mensch und Schimpanse den Waffengebrauch kannte und damit vielleicht schon vor etwa zehn bis zwanzig Millionen Jahren jene Entwicklung begann, die heute bei den Atomraketen angelangt ist.

Eßbesteck für Primaten

Mit speziell gefertigten Eßwerkzeugen gehen Schimpansen anderen Beutetieren zu Leibe. Jane Goodall und der englische Tierfänger Mevfield beobachteten, wie Schimpansen dreißig Zentimeter lange Zweige abknickten, entlaubten und sich damit zu einem Termitenhügel begaben. Mit "menschenähnlicher Konzentration" suchten sie die mit dünnen Türen verschlossenen und getarnten Startlöcher, die von den Termiten bereits beim Hügelbau für ihren Schwarmflug vorbereitet werden. Mit Fingernägeln kratzten die Schimpansen die Verschlüsse weg und führten dann ihre Eßstäbchen vorsichtig in die Öffnung ein. Wie Miniatur-Bulldoggen bissen sich die Termiten an dem Stab fest; jetzt konnten sie herausgezogen und als Delikatesse verspeist werden.

Sehr begehrt ist in der regenarmen Zeit das Wasser aus hohlen Baumstämmen. Die Schimpansen saugen dieses Wasser, soweit es geht, mit dem Mund aus. Den Rest aber stippen sie, wie Jane Goodall festgestellt hat, mit einem Büschel zerknauschter Blätter auf, die sie hernach wie einen Schwamm auslutschen.

Die interessanteste Entdeckung Jane Goodalls aber ist: Schimpansen sind nicht etwa reine Vegetarier, wie man bislang annahm. Sie jagen kleine Affen, Antilopen, Buschböcke und Wildschweine.

Hierüber schreibt die Engländerin: "Ich beobachtete vier rote Seidenaffen, die in einem Baum saßen. Plötzlich kletterte ein junger Schimpanse in den Nachbarbaum und näherte sich den Seidenaffen gerade so weit, daß er zwar deren Aufmerksamkeit auf sich lenkte, sie aber nicht verscheuchte. Währenddessen kletterte ein anderer junger Schimpanse unbemerkt in den Baum, in dem die Seidenaffen saßen, rannte mit unglaublicher Geschwindigkeit den Ast entlang, sprang auf einen Seidenaffen zu, ergriff ihn mit beiden Händen und brach ihm das Genick. Unmittelbar danach kletterten fünf andere Schimpansen in denselben Baum. Das tote Tier wurde zerrissen und unter den Anwesenden aufgeteilt.

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So fair geht es freilich nicht immer zu: Erwachsene männliche Affen verteilen ihre Beute nach Laune und Sympathie. Jane Goodall beobachtete einen kräftigen alten Affen, der einen Buschbock, ein Tier fast so groß wie er selbst, vespeiste. Eine Mutter durfte sich mit ihrem Kind an der Mahlzeit beteiligen. Ein junger Schimpanse, etwa vier Jahre alt, der mit menschlicher Bettelgebärde die offene Hand ausstreckte, erhielt für diese Ungehörigkeit eine Ohrfeige. Ein anderer Affe wurde mit einem blutigen Knochen abgefunden; ein Greis, der sich ohne Erlaubnis etwas Fleisch genommen hatte, erhielt dafür Prügel, und zwar von einem Schimpansen, der sich beim Fleischbesitzer lieb Kind machen wollte.

Das war übrigens die heftigste Auseinandersetzung, die bisher bei wildlebenden Schimpansen beobachtet wurde. Meist lassen es die Streitenden bei lautem Geschrei und Drohfuchteln bewenden. Von den etwa fünfzig Tieren, die Dr. Kortlandt beobachtete, hatte keines Bißwunden, Verletzungen oder Narben. Im allgemeinen sind die Beziehungen der Tiere untereinander recht freundschaftlich. Die Männchen kämpfen nicht einmal um ein Weibchen. Jedes gehört jedem.

Zusammenfassend sagt Miss Goodall: "Wenn die Aggressivität des Menschen angeboren sein sollte – was immer das bedeutet –, so können wir diese verderbliche Eigenschaft keinesfalls unseren vormenschlichen Ahnen zur Last legen!"

Wenn sich im Urwald zwei Schimpansengruppen treffen, entsteht ein fürchterlicher Lärm. Die Männchen, kreischen, trommeln dröhnend auf hohlen Baumstämmen, schwenken Zweige und gebärden sich wild. Aber das scheint nur Wiedersehensfreude zu sein, denn schon nach kurzer Zeit umarmen sie sich wie Menschen nach langer Trennung.

Die beiden Trupps bleiben für einige Stunden, manchmal gar tagelang zusammen. Wenn sie sich dann wieder trennen, tun sie dies fast durchweg in anderer Zusammensetzung als zuvor. Auch machen sich jederzeit Einzelgänger selbständig. Keiner hat keinem etwas zu sagen. Schimpansen sind in viel geringerem Maße Herdentiere als der Mensch, sagt Dr. Kortlandt. Sie lieben es, zusammen zu sein, aber jeder tut, was er will. Schimpansen sind ausgesprochene Individualisten.

Dennoch sind sie einer gewissen Tradition und rituellen Bräuchen verhaftet. Was eßbar ist, muß jeder Schimpanse von seiner Mutter lernen. Früchte, die in einer bestimmten Gegend mit Genuß verspeist werden, lehnen Schimpansen in andern Landstrichen ab – bis zum Verhungern – weil sich dieses Nahrungsmittel dort noch nicht eingebürgert hat. Das gleiche gilt auch für den Gebrauch von Werkzeugen. Das Termitenangeln zum Beispiel muß irgendwann einmal ein "genialer" Schimpanse erfunden und an seine Nachkommen weitergegeben haben. Aber noch ist diese Errungenschaft der "Zivilisation" nicht zu allen Wohngebieten der Tiere vorgedrungen.

Wie ein Ritus mutet der Regentanz an, den Jane Goodall als erste beobachtet hat, und zwar bereits viermal: "Den ganzen Morgen über hatte es schon geregnet. Mißmutig kamen die 16 Schimpansen eines Trupps von den Bäumen herab und kauerten sich auf dem Boden eines steilen Bergabhanges zusammen. Gegen Mittag goß es noch heftiger vom Himmel. Plötzlich erhoben sich in einer Aufwallung ohnmächtiger Wut sieben große Männchen. Sie formierten sich in zwei Gruppen, die nacheinander den Hang hinaufkletterten. Sobald ein Schimpanse den Grat erreicht hatte, trommelte er mit den Fäusten auf den Boden, riß einen Ast ab, bäumte sich auf wie ein primitiver Mensch, der seine Kraft zur Schau stellt. Dann raste das Tier den Hang abwärts, wobei es den Kurs der anderen Gruppe kreuzte.

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Unten angekommen, ruhte der Affe ein wenig aus, und dann begann das faszinierende Schauspiel von neuem. Die Weibchen und Jungtiere saßen derweil in den umliegenden Bäumen und schauten der Vorstellung zu. Nach 15 bis 30 Minuten war der ganze Spuk vorbei. Sollte es sich hier um eine Art Beschwörung von Naturgeistern handeln?"

Menschenähnlich erscheint auch das für Tiere ungewöhnliche Bedürfnis der Schimpansen, Artgenossen unter Einsatz des eigenen Lebens zu retten. Schon vor längerer Zeit berichtete Professor Wolf gang Köhler von einer Jagdsafari folgendes: Von einem sinnlosen Schuß wurde ein Schimpanse schwer verwundet und fiel zu Boden. Als er daraufhin einen schrillen Hilferuf ausstieß, umringten ihn seine Truppkameraden, richteten ihn auf, stützten ihn mit "unglaublich menschlichen Gebärden" und forderten ihn mit sanften Lauten zum Gehen auf. Währenddessen hatte sich ein starker Affe sozusagen als Geleitschutz laut brüllend zwischen den Krankentransport und die Jäger postiert, bis er durch wiederholte Rufe seiner Gefährten vernahm, daß sie sich im dichten Gehölz in Sicherheit befanden.

Diese Bereitschaft zur Hilfeleistung wirft ein Schlaglicht auf eine bisher unerklärliche Erscheinung: Schimpansen sind die einzigen Tiere, die man nicht in Fallen fangen kann. Bisher hieß es, Schimpansen seien zu intelligent, als daß sie in Fallen hineinliefen. Jetzt aber fand Dr. Kortlandt Anhaltspunkte dafür, daß ein gefangener Schimpanse von seinen Truppgenossen sofort wieder aus der Falle befreit wird.

Besonders erstaunlich ist es, daß sich die Hilfsbereitschaft nicht nur auf Artgenossen beschränkt. Als der holländische Zoologe in den Tunnelgängen allerlei lebende Tiere anleinte, ein Küken, eine schwarze Ziege und andere, um zu erkunden, wie sich Schimpansen diesen Wesen gegenüber verhalten, geschah etwas ganz Erstaunliches: Ohne das zarte Bein des Kükens zu verletzen, befreiten die robusten Schimpansen das kleine Tier von der Fessel. Auch die übrigen Tiere wurden losgebunden.

Dieses überraschende Versuchsergebnis bestärkte Kortlandt in seinem Verdacht, die Geschichten der afrikanischen Neger, in denen davon berichtet wird, daß Menschenbabys von Schimpansen gestohlen wurden, könnten am Ende doch wahr sein. Um dies zu untersuchen, band der Forscher ein Mangabey-Affenbaby auf einem Pfad fest. Als dort ein Trupp Schimpansen vorbeikam, versammelten sich alle Mitglieder interessiert um das Tierkind. Sie versuchten, das Seil durchzubeißen und das Baby mitzunehmen.

Es ist also sehr wahrscheinlich, daß Schimpansen auch ein Menschenbaby entführen, das von seiner Mutter während der Plantagenarbeit am Rande des Urwalds abgelegt wurde. Für Menschenkinder ist diese Affenliebe jedoch tödlich; sie können sich nicht wie Affen am Fell festklammern und stürzen wahrscheinlich ab, sobald der Schimpanse auf den ersten Baum klettert.

In Uganda wurde ein Schimpansentrupp beobachtet, zu dem eine Meerkatze gehörte. Wahrscheinlich ist sie als Baby von den Affen entführt und von ihnen aufgezogen worden – als eine Art Haustier. Wenn sich Schimpansen Haustiere halten, dann konnten das nach Ansicht von Dr. Kortlandt unsere Vorfahren vor Millionen Jahren auch schon.

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Angst vor dem Tod

Ein seltsames Resultat hatten Versuche mit künstlichen Nachbildungen von Schimpansen. Als Dr. Kortlandt bei einem zweiten Experiment das Mangabey-Baby auf den Pfad legte, das dort vor Kälte regungslos liegenblieb, kam ein erwachsenes Schimpansenweibchen herbei, ganz so, als wollte es einem Verletzten helfen. Plötzlich aber schreckte es zurück und rannte davon. Ähnliche Angstreaktionen löste auch der Anblick von Schimpansenpuppen und das Reklameplakat eines Tiergartens aus, auf dem ein Schimpanse in Großaufnahme abgebildet war. Das Entsetzen vor diesen leblosen Affen war so groß, daß der Zoologe die Versuche nach kurzer Zeit abbrach, um die Tiere nicht zu vergrämen.

Vielleicht erklärt dieses Verhalten die merkwürdige Tatsache, daß Menschen zwar schon vor 30 00 bis 40 000 Jahren anfingen, realistische Tierbilder in den Fels ihrer Höhlen zu malen, sich an naturgetreue Abbildungen ihrer selbst aber erst in den letzten paar tausend Jahren heranwagten. War dieses Tabu von der gleichen Angst motiviert?

Im allgemeinen haben Tiere nicht die geringste Scheu vor toten Artgenossen. Gleichgültig gehen sie am Kadaver ihrer einstigen Freunde oder Feinde vorbei. Ein toter Hund wird allenfalls kurz berochen und dann ohne jede Gemütsbewegung liegengelassen. Mit Rhesusaffen führte der amerikanische Forscher Butler ein grausiges Experiment durch. Er hackte einem toten Tier den Kopf ab, stellte den Leichnam aufrecht an die Gitterinnenseite des Rhesusaffenkäfigs und gab ihm den Kopf in die vor dem Bauch gefalteten Hände. Selbst von diesem ungeheuerlichen Anblick zeigten sich die anderen Rhesusaffen gänzlich unberührt.

Schimpansen dagegen reagieren angesichts toter Artgenossen und auch fremder toter Tiere – sofern sie diese nicht selbst getötet haben – mit großem Entsetzen. Es genügt schon ein abgetrennter Arm oder ein Bein eines Schimpansen, um den Betrachter in wilder Flucht davonrennen zu lassen. Sogar vor schlafenden Säugetieren fürchten sich diese Menschenaffen.

Sollten Schimpansen eine Ahnung davon haben, was der Tod bedeutet?