Einer geht vom Doktorexamen ins Gefängnis

In einer bayerischen Haftanstalt verbüßt gegenwärtig ein junger deutscher Wissenschaftler eine Freiheitsstrafe. Am 4. Mai 1964 hat Dr. Günther Hillmann auf Weisung der Strafvollzugsbehörde die Strafe angetreten, die ihm das Landgericht in Dortmund auferlegt hatte: 15 Monate Gefängnis. Hillmann büßt für ein Delikt, das sich „Staatsgefährdung“ nennt. Die Verfehlungen, deren er angeklagt war, fielen in die Zeit von 1953 bis 1956.

Beendigung der den Staat gefährdenden Tätigkeit: 1956. Strafantritt: 1964.

Sicher wird die lange Zeit, die zwischen Tat und Strafe liegt, zum Teil durch den „Instanzenweg“ erklärt. Hillmann war angeklagt wegen seiner Tätigkeit als hauptamtlicher Geschäftsführer des sogenannten „Festival-Komitees“ in der Bundesrepublik. Diese Arbeit galt der Vorbereitung der (von Kommunisten organisierten und finanzierten) Weltjugendfestspiele. Das Festival-Komitee war in der Bundesrepublik nicht verboten; wohl aber stellte sich der Staatsanwalt – und später auch das Gericht – auf den Standpunkt, bei Hillmanns Aktivitäten habe es sich um eine Arbeit für die damals schon verbotene „Freie Deutsche Jugend“ gehandelt.

Als Hillmann 1960 in Dortmund vor den Richtern stand, lag ein Lebensweg hinter ihm, in dem sich manches vom deutschen Schicksal widerspiegelt: Geboren 1922 in Breslau, Hitlerjugendführer, Abitur 1940, Wehrdienst bis zum Ende des Krieges, Verwundung (30 Prozent Erwerbsminderung), 1945 Landarbeiter, sodann Studium der Philosophie. 1948 tritt Hillmann der KPD bei – weil man sich, wie er meint, „politisch engagieren“ muß.

Nach 35 Verhandlungstagen wird er 1960 in Dortmund schuldig gesprochen: 24 Monate Gefängnis. Zwei Jahre später verwirft der III. Strafsenat des Bundesgerichtshofes die Revision. Erneute Hauptverhandlung in Dortmund; neues Urteil: 15 Monate Gefängnis.

1963 wird ein Gnadengesuch eingereicht, und die Anwälte Hillmanns können dem Gesuch einen Brief des Münchner Ordinarius für Philosophie, Professor Ernesto Grassi, beifügen. Darin heißt es: „Mir liegt das Schicksal von Dr. Günther Hillmann, der bei mir im Sommersemester 1963 promoviert hat, sehr am Herzen. Ich kenne ihn seit drei Jahren und weiß, mit welchem Fleiß und welch großen Opfern er sein Studium beendet hat. Seine Doktorarbeit haben wir mit ‚sehr gut‘ beurteilt. Da Herr Hillmann mit einer Arbeit über den jungen Marx promoviert hat, kann ich sachlich behaupten, daß er mit seinen wissenschaftlichen und sachlichen Untersuchungen bewiesen hat, wie sehr er sich von einer Ideologie, der er in vergangenen Jahren wohl gehuldigt haben mag, distanzierte und wie objektiv er ihr jetzt gegenübersteht.“