Odenwaldfahrer besuchen Michelstadt mit seinem Fachwerkrathaus, das Schloß in Erbach, die Klosterkirche in Amorbach und das älteste Gasthaus Deutschlands, den „Riesen“ in Miltenberg. Alte Bürgerhäuser, Kirchen und Herrensitze sind dazwischen aufgereiht. Wer einen Wagen hat, kann fünfhundert Jahre alte Bauwerke durch die Linse des Photoapparates aufsammeln, ohne jemals auszusteigen. Vorbei an der chromgepanzerten Sofaecke fliegt deutsches Mittelalter. Abseits der Straßen finden sich stillere – und noch ältere Schätze.

Still sind sie heute. Damals, vor ziemlich genau eintausendsechshundert Jahren, muß es ganz schön lebhaft im Hochwald auf dem Felsberg – nahe am Melibokus – hergegangen sein. Römische Steinmetze werkelten dort. Irgendwann ließen sie ihre Arbeitsplätze und die letzten, halbfertigen Werkstücke zurück, die liegengeblieben sind bis heute, weit verstreut über die sanfte Kuppe des Berges.

Die Römer hatten den Grundstoff vorgefunden: Granitblöcke mit Kantenlängen von vielen Metern, die aus dem Berg in langer Zeit herausgewittert waren. Sie spalteten die Blöcke längs und quer, Richtungen ausnutzend, in denen der Stein relativ leicht in glatten Flächen sprang. Aber nicht immer lief die Kluft in gewünschten Bahnen: Der Block war verdorben, der Meister fluchte in der edlen Sprache Ciceros, und vorbei war der Traum des Steins, einen Blick von Imperatoren, Statthaltern und Königen zu erhaschen. Bären, Wölfe und Wanderer von heute blieben kümmerlicher Ersatz.

Wer Freude daran hat, kann vielerlei Werkspuren finden und deuten. Da sind Schrotgräben mit der Spitzhacke in den harten Stein getrieben. In die Gräben sind Keiltaschen vertieft, die Keile aufnahmen, welche mit Hammerschlägen festgezogen wurden, bis der Stein riß. Meterlange Sägeschnitte zeugen von andauernder Mühe. Wahrscheinlich rieb man mit Kupferbändern scharfen Quarzsand über den Schnitt.

Eine zehn Meter lange runde Granitsäule ist das schönste und vollkommenste Stück. Abfallblöcke, die zum ehemaligen Rohling gehörten, liegen jetzt noch daneben. Als sie abgesprengt waren, mußte in langer Pickelarbeit die Rundform geschaffen werden. Schließlich war aller Schweiß umsonst. Nichts zeigt uns an, warum das fast fertige Stück verlassen wurde: Wegen streitsüchtiger Germanen aus den finsteren Urwäldern am Main? Oder hatte Kaiser Gratian launisch seine Trierer Bauten umgeplant?

Denn so viel hat man herausgefunden: Säulen in gleicher Form und aus gleichem Material liegen, umgestürzt, unter dem Dom in Trier. Hier stand vordem ein kaiserlicher Prachtbau, der später, in den Stürmen der Völkerwanderung, zusammenbrach. Harte, granitene Säulen, zum ewigen Ruhm des Herrn aufgestellt, verschwanden in Fundamenten. Zur Mühsal des Steinformens kam somit die Fronarbeit des Transportes, Auf schweren Wagen und Schlitten mußten Stücke von fast dreißig Tonnen Gewicht aus den Bergen über die versumpfte Ebene zum Rhein gekarrt und gezerrt werden. Von dort ging es weiter per Schiff.

Wer betrachtend vor der Porta nigra stehen bleibt, vor römischen Schätzen in Bonner Museen, vor saalgroßen Mosaikteppichen dicht neben, fast unter dem Kölner Dom, wer Arbeits- und Gestaltungskraft der Römer bewundert, der sollte einmal bei Bensheim volle Straßen verlassen, nur ein paar Kilometer in das Waldgebirge hinauffahren und von Reichenbach zu den Steinwerkstätten der Römer auf den Felsberg wandern. Die Spuren sind nicht großartig, doch sie haben ihren besonderen Reiz: Im Laufe von anderthalb Jahrtausenden wurden sie kaum verändert; im Hochwald haben sie denselben Rahmen damals wie heute und zeigen – anders als fertige Bauwerke – wie Arbeit fortschritt oder im Mißerfolg endete. Wilfried Giesel