An Buchläden sind oft Automaten aufgestellt, die broschierte Werke gegen Entgelt herausgeben. Sie gewähren sogar, in gewissen Grenzen, freie Wahl des Titels: Verschiedene Bände sind in numerierten Segmenten einer drehbaren Trommel gelagert, welche man so einstellen kann, daß das Gewünschte herausfällt, nachdem Münzen hineingesteckt und Hebel bedient worden sind. Nachtschwärmer mögen so etwas zu schätzen wissen; doch nicht nur diese Leute, auch andere, wie gezeigt werden soll.

In einer norddeutschen Stadt sah ich von fern einen jungen Mann, um die Zwanzig, an einem solchen Automaten hantieren. Er hatte Geld eingeworfen, zog an Hebeln, stutzte dann; offenbar arbeitete der Mechanismus nicht so, wie er sollte. Der Mann probierte die vorgeschriebenen Handgriffe noch einmal durch und wartete schließlich, da weder Buch noch Geld freigegeben wurden – offenbar in der Hoffnung, der Automat arbeite mit Zeitverzögerung.

Rätselhaft wurde mir sein Verhalten, als er folgendes nicht tat: in die offene Buchhandlung gehen, neben deren Eingangstür der Apparat angebracht war, auf den Defekt hinweisen, freundlich hinweisen, denn es gab im Geschäft nur nette junge Verkäuferinnen, wie er mit einem Blick durch die gläserne Tür feststellen konnte.

Er trat vielmehr zurück an den Automaten, zog noch einmal, ohne rechte Hoffnung, an Hebeln, schaute in Schächte, schenkte dann seine Aufmerksamkeit Buchauslagen, aber nicht voll, denn von hier fixierte er immer wieder den Kasten, der sein Geld verschluckt hatte, ohne dafür etwas herzugeben. Nach letztem Zögern vor der Ladentür, hinter der die hübschen Verkäuferinnen warteten, die ihm sicher gern geholfen hätten, ging er schließlich fort. Geld und Buch waren verloren.

Der Apparat verriet mir das eigenartige Verhalten des jungen Mannes. Er hatte das Buch Nr. 39 gewählt, das sich im Schacht verklemmt und den Mechanismus blockiert hatte. Auf einer beigehefteten Liste waren alle angebotenen Bücher verzeichnet, auch Nr. 39: Ovid – Die Liebeskunst.

Da sage noch einer, unsere Jugend sei skrupellos. W. Giesel