Von Walter Boehlich

Ganz offensichtlich gibt es verschiedene Schwierigkeitsgrade in der Aneignung dessen, was wir gemeinhin die Welt nennen und worunter wir in der Regel doch nur unsere Erde verstehen – je nachdem, was wir uns da aneignen wollen, Physisches und Materielles oder Kulturelles und Geistiges.

Eine Erdkarte läßt sich mit einem Blick übersehen, und folgerichtig schreitet schon der Schüler von der Heimatkunde zur allgemeinen Geographie fort. Er hält nicht ein bei Hessen oder Hamburg, nicht einmal bei Deutschland oder Europa, sondern erwirbt ein ungefähres Wissen von allen Kontinenten und Subkontinenten, hat am Ende seiner Schulzeit gelernt, wo Weizen angebaut wird und wo Mais, wo das Zuckerrohr gedeiht und wo die Zuckerrübe, wo man nach Diamanten gräbt und wo nach Kohle, wo sich Erdöl findet und wo Uran. Schon beschränkter sind seine Vorstellungen von Geschichte. Auch hier beginnt er mit der engeren Heimat, läßt sich lange über Griechen und Römer belehren, auch über Völkerwanderung und Mittelalter, aber nur wenig erfährt er über Spanier und Russen, noch weniger über außereuropäische Geschichte, wenn auch immerhin das Allergröbste.

Die Literatur dagegen ist ihm, bis auf einzelne und merkwürdig ausgewählte Werke, ein Buch mit sieben Siegeln. Das bleibt sie für fast alle lebenslänglich. Wie viele Deutsche verbinden eine Vorstellung mit den Kathedralen von Chartres oder Reims, mit den Loire-Schlössern oder dem Louvre, mit den Gemälden von Tizian und Michelangelo, von Rubens und Rembrandt, von Goya und Picasso, selbst mit persischen Miniaturen oder chinesischen Tuschzeichnungen, auch Negerplastiken und Maya-Masken, und wie wenige haben eine vergleichbare Vorstellung von der Weltliteratur oder den Literaturen der Welt?

Sogar die Musik ist an Grenzen weniger gebunden als die Literatur. Hören und Sehen ist leichter als Lesen, es ist leichter, nicht nur weil die schriftliche Überlieferung reicher, sondern auch darum, weil sie an Sprache gebunden ist, an zahllose Sprachen, von denen jeder nur die eine oder andere erlernen kann. Geschichte läßt sich kondensieren, so sehr, daß man in einem Satz noch die Essenz einer ganzen Epoche haben kann, Literatur nicht. Geschichte, das sind nicht die Dokumente – Geschichte ist ihrem Wesen nach Inhaltsangabe. Man kann wissen, was geschehen ist, ohne einen Blick in die Quellen getan zu haben, aber Literatur lernt man nicht aus Literaturgeschichten. Sie sind ein Hilfsmittel, auf dessen Studium das Studium der Texte selbst folgen muß.

So bleiben wir, geht es um Weltliteratur, allesamt Dilettanten, die höchstens über die nächsten Zäune schauen können. Eines Menschen Leben reichte so wenig wie viele Menschenleben, um auch nur in Umrissen zu erforschen, wieviel Literatur je hervorgebracht worden ist. Universalgeschichte ist ein Lehrfach, Weltliteratur kann es nie und nimmer sein. Was in anderen Ländern Komparatistik genannt wird, meint etwas ganz anderes.

Aus all dem folgt, daß eine Geschichte der Weltliteratur aus einem Guß nicht geschrieben, sondern daß höchstens eine kompiliert werden könnte, daß es weiterhin keinen wirklich zuständigen Kritiker für sie gäbe. Erscheint eine solche Kompilation und traut sich ein Kritiker an sie heran, so muß er von vornherein seine generelle Unwissenheit bekennen. Was er tun kann, ist lediglich, das Werk auf seine Brauchbarkeit hin zu untersuchen, mit Vergleichbarem zu vergleichen, das ihm Bekannte und Vertraute genau zu mustern, vielleicht sogar in eine Diskussion darüber einzutreten, wie solch ein Buch nach seiner Meinung und nach dem Stande unseres Wissens angelegt sein sollte.