Von Horst Wetterling

Der Aussagewert der Auslese, die alljährlich darüber entscheidet, welche Kinder nach der vierten Grundschulklasse für die Oberschule geeignet sind, ist gleich Null. Das behauptete vor kurzem der Erste Vorsitzende der Hamburger „Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens“.

Die Behauptung, daß zehnjährige Kinder nicht über Art und Ausmaß ihrer Bildungsfähigkeit geprüft werden können, ist irrig. Das vielgestaltige, sorgfältig erprobte Aufnahmeverfahren ermöglicht durchaus eine verantwortbare Entscheidung. So heißt es in einer Stellungnahme’ des Deutschen Philologenverbandes.

Es ist doch gut, daß wir nicht allein auf Behauptungen und Stellungnahmen angewiesen sind. Mehrere Institute, darunter die Hochschule für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt und das Psychologische Institut der Universität Köln, haben untersucht, welcher Wert dem herkömmlichen Ausleseverfahren zukommt.

Man kann sich schnell ein Bild davon machen, wenn man die aufgenommenen Schüler nach ihrer Durchschnittszensur im schriftlichen Teil des Verfahrens in Gruppen einteilt und dann beobachtet, wie hoch der Anteil der Jungen und Mädchen ist, die entweder nicht regelmäßig versetzt wurden oder gar die Schule verlassen mußten.

So verfuhr das Psychologische Institut der Universität Köln, und dabei zeigte sich:

Beim Jahrgang 1956 der Oberschule für Jungen in Herne hatten nach vier Jahren 26 Prozent der Schüler aus der ersten Gruppe versagt, aus der Gruppe der Kinder also, die als besonders begabt galten. Beim gleichen Jahrgang der Gymnasien und der Realschule für Jungen in Oberhausen waren es nach drei Jahren 46 Prozent der Kinder aus der ersten Leistungsgruppe, die nicht mitgekommen waren. Unter mehreren Jahrgängen des Naturwissenschaftlichen Gymnasiums in Köln-Mülheim blieben von den Jungen, die zu Beginn ihrer Laufbahn als „sehr gut“ und „gut“ beurteilt worden waren, bereits im ersten Jahr 36 Prozent auf der Strecke.