Von Dieter Lattmann

Auf dem Stadtplan hatte ich diejenigen Freeways herausgesucht, die uns am sichersten nach Disneyland brachten. Loren, mein Freund, fuhr langsam, stockend, mit einer inneren Überwindung, die sich aufs Lenkrad übertrug. Er nahm die äußerste Bahn und ließ sich überholen von allem, was hinter ihm kam. Wagen preschten vorbei wie Raketen. In jedem saß ein Gefangener hinter Glas. Gefangene Paare und Familien, verschanzt hinter Maskottchen, blickten aus ihren Käfigen auf Los Angeles oder nirgendwohin. Die Stadt breitete sich dunstig und blaß bis zum Horizont aus, flach, mit den Oberleitungen ihres Stromnetzes. Autokarrosserien verdeckten Los Angeles, verdeckten einander, verdeckten Autofriedhöfe und Bohrtürme. Man konnte zwei Stunden in einer Richtung rasen und noch immer kein Ende finden. Aus einem Stadtteil zum anderen rief man Nachbarn mit Ferngesprächen an. Brücken säbelten Bezirke auseinander. Abfahrten und Auffahrten, Beverly Hills, Hollywood, die karge Skyline downtown, Bue Park und endlich Disneyland. Loren atmete auf.

Wie viele Menschen in der Welt kennen den Namen Walt Disney? Damit es mehr werden und sie ihn nicht vergessen, hat er sich ein Denkmal gesetzt: Disneyland, die große Geisterbahn. Ein ebenso spielbesessener wie geschäftstüchtiger Kopf hat hier ein Dorado errichtet, das nur in Amerika denkbar ist. Der Parkplatz ist so groß wie ein bayerischer See. Vorüber am Disneyland-Hotel rast auf Betonpfeilern die Einschienenbahn. Wächserne Gesichter schauen aus dem gläsernen Zug. Man erfährt ja immer, was es gekostet hat: Amerika besitzt in Disneyland ein Spielzeug, in das bisher elf Millionen Dollar investiert wurden und mit dem zu achtzig Prozent Erwachsene spielen. Und nichts ist echt.

Echt sind nicht die fliegenden Untertassen und die Bayernkapelle mit spinatgrünen Gamsbärten unter der dampfenden Douglas-Rakete. Echt sind nicht die Elefanten, die trompetend im Wasser stehen, nicht die Blumen auf Disneylands Blumenmarkt. Das Tigergebrüll kommt vom Tonband aus dem künstlichen Dschungel.

Das Mädchen, das Eltern und Großeltern und ab und zu auch ein Kind zur Rundfahrt in einem Boot versammelte, ließ sich als erstes die Vornamen sagen. Sie merkte sich alle Namen. Als es losging, sagte sie: „And now take on your happy Disneyland smile.“ Sie sagte es halb ironisch, und sie sagte damit alles über Disneyland.

Loren grinste und photographierte sie. Als er damit fertig war, wartete er mit einer Definition auf: „Weißt du, der Witz ist der: Die Leute kaufen kontrollierte Angst. Disneyland ist ein Angstventil. Von hier nimmt man eine Spur der Einbildung mit nach Hause, die Abenteuer im wirklichen Leben seien genauso regulierbar und ungefährlich. Das ist der Trick.“

Für mich war Disneyland eine Ausstellung von Papierkörben. Es sind die größten und perfektesten Papierkörbe, die ich je sah. Sie haben Tarnfarben je nach ihrem Hintergrund, doch ich habe sie alle erkannt. Die Papierkörbe haben die Form der phallischen Shiwa-Symbole vor Hindutempeln in Indien. Schließlich ist es auch ein Glaube, dem sie dienen: der Glaube an Sterilität.