Die führenden Männer der deutschen Werften haben es nicht leicht. Mit einer erstaunlichen Ausdauer zehren sie seit rund drei Jahren aus der Substanz – ihrer Millionengewinne aus den Jahren des Schiffbaubooms. Damals gab es den Verkäufer-Markt. Die Werften teilten Lieferpositionen zu und konnten sich aussuchen, welchem Reeder sie zu welchen Konditionen Schiffe bauten. Es ist verständlich, daß die’Werftdirektoren in aller Welt diesem Zustand nachtrauern. Inzwischen haben wir seit langem einen Käufer-Markt. Wenn heute etwa ein Erdölkonzern Tanker bauen lassen will, macht er eine Ausschreibung, an der sich mehr als dreißig Werften aus allen Teilen der Welt beteiligen.

Das Dilemma der deutschen Werftdirektoren beginnt dort, wo sich die Arbeiter und Angestellten der Werften von den Schilderungen düsterer Zukunftsaussichten überzeugen lassen und sich nach neuen, weniger krisenanfälligen Arbeitsplätzen umsehen. Dabei sind die Klagen keineswegs für die Ohren der Arbeiter und Angestellten bestimmt, sondern nur für die der Regierung und der Öffentlichkeit.

Vor wenigen Tagen legte der Verband Deutscher Schiffswerften nun das Jahresergebnis von 1963 vor, das auch kein so düsteres Bild zeigt:

  • 176 Neubauten mit 1 053 491 BRT wurden abgeliefert (1962: 178 mit 868 634 BRT).
  • Gesamtumsätze 2,532 Milliarden DM (1962: 2,456 Milliarden DM).
  • Die schiffbaufremde Fertigung stieg von 292 Millionen DM 1962 auf 312 Millionen DM in 1963 (14,1 Prozent).
  • Die Reparaturen stiegen von 368 Millionen auf 425 Millionen DM.

Mit einem Auftragsbestand zwischen 1,8 und 2 Millionen Bruttoregistertonnen stehen die deutschen Werften nicht schlecht da. Der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Schiffswerften, Konsul Adolf Westphal, Generaldirektor der größten und erfolgreichsten deutschen Werft, den in Bundesbesitz befindlichen Kieler Howaldts-Werken, sprach deshalb auch von einem „Boom zu schlechten Preisen“.

Ungeachtet der Zahlen von 1963 und des guten Auftragsbestandes fordern die Werften weiter Hilfen von der Bundesregierung, um den Wettbewerbsverzerrungen, von denen die ausländischen Konkurrenten profitieren, „mit ädaquaten Mitteln“ begegnen zu können. Im Volksmund würde man sagen: Sie wollen den Teufel mit Beelzebub austreiben.

Natürlich hat die Bundesregierung eine Verpflichtung, die deutschen Werften vor Wettbewerbsverzerrungen durch ausländische Regierungen zu schützen. Sie sollte aber den Werften sehr deutlich sagen, daß ihnen mit der gewünschten Kredithilfe für Auslandsaufträge nicht entscheidend geholfen wird, ihre Betriebe so zu modernisieren, wie es in anderen Staaten der Fall ist. Vielleicht sollten die zur Debatte stehenden 600 Millionen Mark mit bestimmten Auflagen nur zur Strukturverbesserung und Rationalisierung gegeben werden.

Vielleicht sind die Werften überhaupt überfordert, eigene Vorschläge in dieser Richtung auszuarbeiten. Das muß dann – ob sie es gern tun oder nicht – die Bundesregierung übernehmen. Zweifelhaft muß allerdings bleiben, ob der deutsche Steuerzahler zur fortgesetzten Prämienzahlung angehalten werden kann, um den deutschen Werften einen Anteil von 15 Prozent am Weltschiffbau wieder zurückzugewinnen, wie sie ihn einst besaßen. Die Welt ist nun einmal in ständiger Veränderung begriffen. C. B.