Absage an das Comecon – Verhandlungen mit Washington

Von Hansjakob Stehle

Vor ein paar Wochen noch kannte man im Westen kaum seinen Namen. Jetzt richten sich die Blicke der Welt auf ihn, auf den Rumänen Gheorghiu Gaston-Marin, der vierzehn Tage lang in Washington verhandelt. Ende April war der Platz, den er als rumänischer Planungschef bei den Tagungen des „Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (Comecon) in Moskau einzunehmen pflegte, zum erstenmal leer geblieben.

Rumänien hoffe „neue Wege“ in den Beziehungen zu Amerika zu finden, sagte Gaston-Marin bei seiner Ankunft in Washington, Doch die rumänische Presse notierte oder kommentierte mit keinem Wort all die politischen Erwartungen, die sich im Westen an den rumänischen Ausbruch aus dem kommunistischen Wirtschaftsblock knüpfen. Die Wandlung, welche die amerikanische Politik umsichtig durch Annäherung fördert, wird von den rumänischen Kommunisten bewußt „unpolitisch“, ganz pragmatisch zur Schau gestellt: Lakonisch verzeichnete die Bukarester Agentur unter denen, die Gaston-Marin in Washington empfingen, den „Präsidenten der Firma Hydrocarbor, der Gummifabrik Firestone und andere Geschäftsleute“ ganz so, als gehörten sie ins diplomatische Protokoll ...

Aus gesundem Egoismus

Der 46jährige Ingenieur Gaston-Marin, der seine Ausbildung der „Ecole d’Électricté“ in Grenoble verdankt und sein politisches Abc in der französischen Widerstandsbewegung des Zweiten Weltkriegs lernte, gehört zur neuen Generation der Technokraten im Ostblock. Nationale Selbstbehauptung schließt für ihn gesunden wirtschaftlichen Egoismus ein. Nur das Handfeste, das vom Westen zu erreichen ist, zählt. Die Wunschliste, die den Amerikanern präsentiert wurde, sagt das deutlich: eine synthetische Gummifabrik, Gewährung der Meistbegünstigungsklausel im Handel (wie sie schon Jugoslawien und Polen gewährt wird), mittel- und langfristige Kredite. Was aber veranlaßte die rumänischen Kommunisten, diesen Weg einzuschlagen und wie beruhigen sie wohl ihr ideologisches Gewissen?

Der rumänische Parteichef Gheorghiu-Dej „hat kein genügendes Vertrauen zur Produktionsfähigkeit in unseren Ländern und ist der Meinung, daß die Kapitalisten das besser machen“, berichtete SED-Chef Walter Ulbricht auf der dritten Tagung seines Zentralkomitees im vergangenen Jahr. Tatsache ist, daß die Rumänen gegen alle Versuche des „Comecon“, multilaterale Vereinbarungen zwischen den Mitgliedstaaten herbeizuführen, Widerstand leisten und auf zweiseitigen Vereinbarungen bestehen.