Die Warschauer Philharmonie, wie fast alle historischen Bauten der Stadt, steht in alter Pracht, als wäre das mörderische Gastspiel der Deutschen von 1939 bis 1944 niemals gewesen. Als das Philharmonische Staatsorchester Hamburg – zum ersten Konzert eines westdeutschen Orchesters nach Posen und Warschau gereist – die Instrumente stimmte, flüsterten die Hamburger, die mit den Musikern nach Polen gekommen waren, einander besorgt etwas zu: der Pfingstruf des Bundesministers Seebohm war gerade rechtzeitig nach Warschau gedrungen, um mißtönend zu stören, was mit Mendelssohn-Bartholdy, Richard Strauss und Brahms vorsichtig versucht werden sollte. Würde der große Saal sich füllen? Und wenn: wie würde das Publikum sich verhalten? Ein Konzert sollte beginnen, bei dem es gleichermaßen um Kunst wie um Politik ging.

Seit dem September letzten Jahres hat die Bundesrepublik in Polen ein kleines Surrogat für die nicht bestehende diplomatische Verbindung, die „Handelsvertretung der Bundesrepublik Deutschland“. Daß die Gastspielreise der Hamburger Philharmoniker, deren Leiter, Herrn von Mumm, den Anlaß – oder genauer gesagt, die Chance – gab, zum erstenmal einen Empfang zu veranstalten und dazu außer Vertretern des polnischen Handelsministeriums auch Warschauer Professoren, Literaten, Redakteure und Künstler einzuladen, zeigt, wie behutsam und mit kleinen Schritten Deutsche dort versuchen können, sich den Polen zu nähern.

Die Konzerte waren erfolgreich. Nicht viele Plätze blieben frei. Starker Applaus erzwang an beiden Abenden eine Zugabe, die Oberon-Ouvertüre. Der Dirigent, Generalmusikdirektor Wolfgang Sawallisch, konnte viele Male für den Beifall danken. In Warschau akkreditierte englische und französische Diplomaten gratulierten dem Leiter unserer Handelsvertretung. Für zweimal zwei Stunden war es gelungen, das blamable Geschrei aus Nürnberg zu übertönen.

Es vergessen zu machen, scheint dort kaum möglich. Was hier in der Bundesrepublik noch angehen mag (jedenfalls für Augenblicke, in denen der Zorn schweigt), nämlich zu lächeln über solche Reden – in Polen ist das ganz ausgeschlossen. Dort ist den Menschen das Lachen im Zusammenhang mit Deutschen gründlich vergangen, ein Lächeln über sie, ist genauso unmöglich. Und wie sollten denn auch diktatorisch Regierte verstehen, daß in einem freien Lande ein Minister reden darf, der gegen die Meinung des Volkes steht?

„Deutsche, die für alles nicht dafür können, was einstmals geschehen ist, gibt es bei Ihnen in Massen. Es kann doch unmöglich jetzt wieder so sein, daß die Deutschen duldend ‚dagegen‘ sind!“ Die polnische Juristin, die das sagte, fügte hinzu: „Wir haben vor einem die größte Angst: vor den Nazis.“ Es fällt einigermaßen schwer, überzeugend zu erklären, daß das, was für die Polen unter den Begriff „Nazi“ gehört, in der Bundesrepublik keine Stimme habe, daß Furcht und Argwohn nicht begründet seien.

Nach Polen mit über hundert deutschen Mannern zu reisen, kann etwas beängstigend sein. Nach Polen mit den über hundert Musikern zu fahren, war eine ausgezeichnete Sache. Und das, obwohl die Hamburger Philharmoniker keine Ausnahme von der Regel machen, daß eine Gruppe von erwachsenen Männern fast immer zur Schulklasse wird, in der Ausflugsstimmung herrscht. Lag es daran, daß Musiker ein empfindliches Gehör haben und darum einfach nicht sinnlos laut sein können? Oder daran, daß alle wußten, wie übel deutsche Laute den Menschen hier klingen können?

Der Einzug unserer „Hundertschaft“ ins Posener Hotel Wiekopolski und ins Warschauer Hotel Warszawa war musterhaft. Durch das Auftreten dieser Deutschen ist ganz bestimmt kein Porzellan zerschlagen worden. Polen, die deutsch verstehen – es sind, besonders unter den Jüngeren, nicht so viele, wie man hier glaubt – haben hören können, daß diese Gäste beschämt über die Spuren deutscher Zerstörung, bewundernd über den Wiederaufbau, beglückt über Musikalität und Musikleben in Polen sprachen. Ein wie gutes Esperanto die Musik ist, wurde einem illustriert, wenn man den Hamburger Operndirektor Paris, in Posen wie in Warschau mit polnischen Musikern, Solisten und Sängern über Möglichkeiten für Gastspiele sprechen und verhandeln sah. Man will sehr gern nach Deutschland kommen – was nicht nur für Musiker gilt.