Jugendliche Ausbrüche von Massenhysterie in ein paar Seebädern an der englischen Südküste machten in diesen Tagen Schlagzeilen – sonst hatte sich anscheinend nichts Besonderes in Großbritannien ereignet. Verzeihlich also, daß ein Fremder des Glaubens sein mußte, nichts sei wichtiger als dies gewesen – nicht die vierundachtzig Toten auf den Straßen über das Pfingstwochenende, nicht die Truppen in Aden und auf Zypern, nicht die Verschlechterung der britischen Zahlungsbilanz und bestimmt nicht die bevorstehenden allgemeinen Wahlen. Die Sensation des Augenblickes ist – nach den ersten Krawallen junger langhaariger Burschen und ihrer Mädchen, die Ostern ein Seebad zertrümmerten – der Bürgerkrieg unter den Jugendlichen, der Krieg zwischen zwei aus nicht recht erfindlichen Gründen miteinander rivalisierenden Gruppen junger Leute. Es sind erstens die: Mods, die sich alle vierzehn Tage einer neuen Modelaune unterwerfen und sich unlängst in Seidenhemden, Samtjacken, Melonen zeigten; sie fahren Motorroller, und ihre Mädchen zeigen sich hier und da in langen Röcken. Es sind zweitens die: Rockers, die auch unter heißester Sonne in schwarzem Leder gehen und Sturzhelme tragen, worin sie die „Birds“, ihre Mädchen, nachahmen. Gemeinsam ist ihnen die Lust auf möglichst starke und laute Motorräder. Aber nicht nur zu Gruppen geballt, sondern überall in den großen Städten wie London und Liverpool, wo die Beatles her sind, sieht man diese verschmutzten englischen Jungen um zwanzig, mit langen Haaren, in der Art der Beatles, oder Bubiköpfen bis tief hinab auf die Schultern; sie scheinen nicht einmal zu einer der beiden Gruppen zu gehören. Engländer erklären dem Besucher der Insel: Seit den elisabethanischen Zeiten sah man nicht eine so ausgelassene englische Jugend.

Die „Ausbrüche von Massenhysterie verrückter Teenager“, wie ein Polizeirichter im Seebad Margate es nannte, machen Großbritannien zu schaffen. In keinem anderen Lande sind zurzeit solche Erscheinungen zu beobachten, die außer Sachschäden eine Menge Rätsel hinterlassen. Ostern waren die Engländer entsetzt über die Scherben und das tyrannische Gebaren der jungen Leute in den Seebändern im Süden des Lnades; Pfingsten mußten sie beobachten, wie sich zwei Gruppen mit offenbar verschiedenen „Idealen“ einen Bürgerkrieg lieferten. Natürlich riefen manche nach dem Gesetzgeber, andere nach der Knute, während Väter und Mütter von ihren „guten Jungs“ sprachen und die Richter hören mußten, wie die Rowdys vor Gericht dahinschmolzen und verschüchtert sprachen: „Ich hab’ doch nichts getan“, „weiß nicht“, „ich bin doch bloß gerannt“. Ein Richter sagte: „Diese langhaarigen, geistig labilen kleinen Sägemehl-Cäsaren scheinen den Mut von Ratten zu haben, die nur in Rudeln jagen.“ Sind „Mods“ und „Rockers“ ein Symptom für die Beschaffenheit dessen, was man „die englische Jugend“ nennt? Kennen wir – die Erwachsenen überall – unsere Jugend überhaupt?

Die Jugend eines jeden Landes stellt heute die letzte terra incognita dar. Man muß ihre besondere Sprache lernen, um sich auf ihrem Gebiet orientieren und aufhalten zu können. Dazu bedarf es geschulter Ohren und Stimmen, um inmitten des Babels primitiver Stammesmusik gehört zu werden oder sich selbst hören zu können. Es handelt sich um ein seltsames Territorium, in dem sich der junge Mensch zu Gruppen zusammenfindet, die alle klassenbetonte Charakteristiken tragen, oder sich zu Gangs zusammenrottet, die nur zu oft unter dem Einfluß von Psychopathen stehen. Da dieses Land in unserer Mitte keine wirtschaftlichen Sorgen kennt, aber unter dem Krebsgeschwür der Langeweile leidet, so beginnen sich die Gruppen dieser terra incognita. zu bekämpfen oder vereint gegen die Welt der Erwachsenen zu demonstrieren.

Man nannte dies einmal: „épater le Bourgeois“. Aber läßt sich wirklich von dieser Jugend, die durchweg den arbeitenden Klassen entstammt, eine andere Reaktion erwarten, wenn sie ihren Eltern unerwünscht gekommen ist, die ihr nun feindlich oder indifferent gegenüberstehen, wenn ihr der Staat – eingestandenermaßen – eine unzulängliche Erziehung zukommen läßt, wenn sich soviel ruhelose Energie ziellos verschwendet?

Jene Odysseen, die einige hundert motorisierte Jugendliche an die See unternommen hatten, um dort, wie später der Innenminister erklärte, „eine Anzahl vereinzelter Akte tätlicher Beleidigung, Diebstahl und böswilliger Beschädigung zu begehen, die weniger als 1000 Pfund Schaden angerichtet haben“, ist in vielen Zeitungen maßlos übertrieben worden. Dieses Rowdytum stand in Gefahr, zum Kennzeichen einer ganzen Generation zu werden. Es ist bezeichnend, daß Millionen englischer Jugendlicher, die nicht zu Schlagzeilen wurden, Ostern und Pfingsten in den Kirchen, in der Familie oder auf Wanderungen verbracht hatten. Die Richter hatten später nicht einmal hundert junge Leute zur Verantwortung gezogen.

Vor ihren Tribunalen wurde eine fromme Legende zerstört, die bewußt von jenen Kreisen gefördert worden war, die gern drakonische Maßnahmen gegen die junge Generation durchsetzen möchte. Richter mußten feststellen, daß keiner der Radaumacher zu jenen Schichten gehörte, denen es angeblich niemals so gut in England ergangen sei wie heute. Keiner der Jugendlichen verdiente den gegenwärtigen nationalen .Verdienstdurchschnitt von 178 Mark pro Woche; keiner von ihnen hatte bei seiner Festnahme mehr als zwölf Mark in der Tasche – kaum ein Betrag, der ausreichte, um sich damit einen ausgelassenen nationalen Feiertag zu machen. Sie gehörten, mit einer Ausnahme, alle zu jenen Kreisen vorbestrafter Jugendlicher, die sämtlich eine unerquickliche Kindheit hinter sich hatten.

Trotzdem stellten, sich die Eltern geschlossen hinter ihre Kinder. Es kam zu ein paar aufschlußreichen Bemerkungen, die auf den gegenwärtigen Klassencharakter des Landes ein bezeichnendes Licht werfen. So erklärte eine erregte Mutter, daß die Öffentlichkeit gegen die Angeklagten wäre, weil sie „aus dem East End Londons stammten; wenn aber Studenten wesentlich schlimmere Dinge begehen, setzen die sich nicht in die Nesseln, weil sie genügend Geld hinter sich haben“. Sie dachte an den Fall jenes Studenten, der nach einer ausgelassenen Festivität von seinen Kommilitonen ins Wasser geworfen worden war und dort ertrunken ist. Die Schuldigen blieben straflos.