Die Katastrophe in der Fußball-Arena von Lima, der über 300 Menschen zum Opfer fielen, hat in der bundesrepublikanischen Presse ein widersprüchliches Echo gefunden. Während der Südamerika-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zu Recht als die entscheidende Ursache den Ausbruch einer Panik herausstellt, zu der ein in Südamerika nicht eben seltener Tumult der Anlaß war, fragt die „Welt“, was die Olympischen Spiele noch wert sein könnten, wenn Qualifikationsspiele für Olympia mit Staatstrauer und Staatsnotstand endeten.

Da ist er wieder – der viel zitierte und noch mehr strapazierte olympische Geist. Die „Welt“ meint zwar nicht, wie manches andere Blatt, man solle das olympische Feuer endlich auslöschen; sie empfiehlt aber, das Flämmchen aus dem nationalen Sturmgebraus herauszunehmen.

Gut gesagt! Es fragt sich bloß, wie das wohl in einer Welt der wieder aufflammenden nationalen Leidenschaften geschehen könne. Wie dankbar wäre Mister Brundage in Chikago, der oberste Olympier, wenn er das Rezept dazu erfahren könnte! Kämpft er doch ohnehin mit seinen Getreuen einen ohnmächtigen Kampf gegen zuviel nationales Prestige im Sport, das zu emotionalen Explosionen führen kann. Dies bei allen Völkern, besonders aber in Lateinamerika, wo sich Neger, Indios und Weiße zu einem so explosiven Rassengemisch vereinigen. Obendrein rekrutiert sich hier das Fußballpublikum vor allem aus Analphabeten, denen Sportgeist im angelsächsischen Sinn völlig unbekannt ist, ein Sportgeist, der ja auch in den europäischen Arenen den Massen immer mehr abhanden kommt, ohne daß die Sportbewegung selbst es verhindern könnte.

Man mag die Ohnmacht des olympischen Geistes beklagen, aber man sollte ihn nicht für die scheckliche Katastrophe in Perus Hauptstadt verantwortlich machen! Der Anlaß war ein Vorfall, den für Lateinamerikas Arenen beinahe alltäglich ist und gegen den sich die Vereine dadurch zu schützen suchen, daß sie das Spielfeld mit hohen Drahtgittern umgeben. In Freigehegen à la Hagenbeck agieren die Spieler. Aus dem Protest, dem Zorn des Publikums wurde die Panik, wie sie immer dort ausbrechen kann, wo sich Menschen in einer Todesfalle glauben – man denke an die Szenen, die sich bei Theaterbränden in Europa abgespielt haben. In Lima wußten die Menschen hinter sich die schießenden und Tränengas werfenden, verhaßten Polizisten und vor sich die noch geschlossenen Tore. Der Fluchtweg versperrt – und dies alles noch in Tunnels! Kein Gruselstück kann eine furchtbarere Situation zeigen, die schließlich so tragisch endete: 300 zerquetschte Menschenleiber. Es ist zuviel vom olympischen Geist verlangt, wenn er bis in diese Abgründe hinabdringen soll. A. M.