Vor mehr als Jahresfrist wisperten sich Eingeweihte zu, auf der Berliner Tagung der Gruppe 47 habe eine junge Autorin eine skandalöse Erzählung gelesen. Die Auguren zwinkerten, die Schockierten zeterten Mordio, Hellhörige tippten auf eine große Zukunft, manche Kollegen in litteris lächelten gelb und sauersüß, andere waren hell begeistert. Voilà. Die junge Autorin hat soeben den Prix Formentor erhalten, ihre Geschichte ist zusammen mit neun anderen als Buch erschienen und liegt jetzt gedruckt vor, also einer Kontrolle und Analyse nicht mehr vorenthalten, jedermann zugänglich, zudem raffiniert schön ausgestattet: ein sündiges Violett mit weißem Titel, der ganz klein hoch oben auf dem Umschlag steht –

Gisela Elsner: „Die Riesenzwerge“; Rowohlt Verlag, Reinbek; 304 S., 18,50 DM.

Einen „Beitrag“ nennt die Verfasserin die zehn lose zu einer Einheit zusammengefügten Erzählungen. Das klingt unprätentiös und kann ebensogut ausgeklügeltes Raffinement sein. Doch warum nicht? Jedenfalls erweist sich, was als Bürger- und Dichterschreck durch Westdeutschlands und Berlins literarische Gaue geisterte, als eine höchst bemerkenswerte Leistung, unbedingt ernst zu nehmen, keinesfalls zu übersehen.

Kein Zweifel, das Buch wird Ärgernis erregen. Es trifft nicht nur wunde Punkte, es trifft eine ganze Schicht – oder wenn man lieber will: die zurückgebliebene Entwicklung eines neureichen Volkes, das mit wenigen Ausnahmen kleinbürgerlich denkt und empfindet, das Bauch und Gemüt pflegt und die Seele meist genauso brachliegen läßt wie den Geist. Und was für Deutschland gilt, mögen manch andere „satte“ Länder getrost auch auf sich beziehen.

Allerdings – es gibt verschiedene Allerdings, die uns bei der näheren Betrachtung dieses Buchs einfallen werden – allerdings ist nicht alles in Gisela Eisners Gärtchen gewachsen. Man trifft auf Stilmittel, die Günter Grass und Peter Weiß vorgebildet haben. Nur meine ich, daß diese Art „Epigonentum“ nicht schwer ins Gewicht fällt. Auch Mozart hat manche Stilformen seiner Vorläufer und Zeitgenossen übernommen; wie denn ja überhaupt der Begriff des Plagiats schwer zu umreißen ist und oft allzu leichthin im Munde geführt wird. (So war es schlechthin lächerlich, daß Erika Mann den bekannten Wirbel um die Verwendung des Namens Krull durch Robert Neumann in Szene setzte. So gesehen, wäre die halbe Weltliteratur ein Schmutzhaufen von Plagiaten.)

Was Gisela Elsner von Grass und Weiß grundsätzlich unterscheidet, ist die Tendenz ihres „Beitrags“ – und das scheint mir viel wichtiger als zufällige oder erworbene Stileigentümlichkeiten.

Gisela Elsner nimmt ganz einfach das alte „Kinder- und Hausmärchen“ beim Wort und transponiert es in den Alltag des europäischen, vorab des deutschen Kleinbürgertums. Und für sie sind die Deutschen alle Kleinbürger, gehaßte, verachtete, unrettbar verspießte Schrebergärtner und Krämer; seien sie nun Minister, Oberlehrer oder Pastoren, sie riechen samt und sonders nach Plüsch, Spitzendeckchen und Mief. Das Märchen wird Alltag. Die böse Knusperhexe wird tatsächlich in den lodernden Backofen gestoßen, Hänsel und Gretel hätten sachgerecht in Auschwitz aushelfen können. Der Machandelboom blüht über vermodernden Gebeinen, der abgeschlagene Kopf Faladas spricht Trostesworte, die so leer sind wie Windblasen, die Blutstropfen auf der Stiege erheben warnend ihre Stimme. Gedankenlos nehmen wir im Märchen diese monströsen Greuel hin. Diese Welt aber ist grauenvoll real, tierhaft grausam und erbarmungslos. Im Spießer, im Pfahlbürger haben wir den Riesenzwerg, das aufgeblasene, im Grunde mickrige Wesen, das kein Wesen hat, sondern nur Schein, Widerschein dessen, „was sich schickt“, einmal braun, einmal rot, einmal schwarz und einmal himmelblau, je nachdem die Maßgebenden es wünschen. Der Riesenzwerg ist der sprichwörtliche Radfahrer, der nach unten tritt, nach oben katzbuckelt.