WDR NDR SFB

17. und 19. Mai, die Diskussion:

Was haben Eichmann und Kant miteinander zu tun? Die Frage stellte sich beim Hören dieser Sendung in doppelter Hinsicht. Otto Adolf Eichmann und Hannah Arendt, so könnte man pointiert sagen, erscheinen als extreme Endpunkte zweier moralisch-politischer Entwicklungslinien in der Kant-Nachfolge. Die eine Linie folgt dem Begriff der Pflicht und dem Gehorsam. Sie wurde in einem der zahlreichen eingespielten Tondokumente vom Jerusalemer Eichmannprozeß deutlich: Eichmann versucht dort (in einem vom Richter Raveh mit fast psychoanalytischem Verständnis geführten Verhör), seine Auffassung von Pflicht mit dem kategorischen Imperativ in Einklang zu bringen, dessen Formulierung er so genau memoriert, daß es den Zeugen der Sprachunfähigkeit, die er sonst zeigte, schockieren mußte.

Die andere Richtung – von Hannah Arendt vertreten – nimmt den moralischen Anspruch des kategorischen Imperativs so ernst, daß dabei von den gesellschaftlichen Implikationen, die er in der kantischen Moralphilosophie hat, abstrahiert werden muß. Hannah Arendt, und die Sendung folgte ihr darin möglichst genau, „erzählt“ Adolf Eichmann. Sie erzählt zwar wie ein Chronist der Endlösung, hat dabei aber die bestimmte Intention, in dem Dschungel aus individueller charakterlicher Mangelhaftigkeit, sozialpsychologischer Relativierung von Schuld und der komplizierten politisch-soziologischen Konstellation, in der die NS-Verbrechen begangen wurden, die Verantwortlichkeit des Individuums zu retten – in einer Gesellschaft, die scheinbar von individuellen Urteilen dispensiert. Nur die Konsequenz dieses Anspruchs erlaubt Hannah Arendt, von einer Mitschuld jüdischer Organisationen zu sprechen. Merkwürdigerweise gewinnt sie gerade durch diese moralische Radikalität dem Widerstand, besonders dem deutschen, seine menschliche Qualität zurück.

Der erste Teil der Sendung referierte das Buch – aus guten Gründen – mit epischen, nicht mit dramatischen Mitteln (daher rührt seine Unbequemlichkeit: statt Emotionen die Vernunft zu mobilisieren). Die Sendung stellte Arendts Eichmann-Analyse unbeeinflußt durch die innerjüdische Auseinandersetzung dar, die sie ausgelöst hat, sie verdeutlichte vielmehr durch ihre Akzentuierung und durch Kommentare die Bedeutung des Buches für die Erhellung der deutschen Vergangenheit und Gegenwart.

An zentraler Stelle, nämlich bei der Analyse nationalsozialistischer „Sprachregelung“, wird am Exempel des Staatssekretärs im Wirtschaftsministerium Viaion darauf hingewiesen, in welcher Form heute noch mit Hilfe von „Sprachregelung“ die Mitverantwortlichkeit für Verbrechen verschleiert werden kann.

Die innerjüdische Kontroverse war das Thema des zweiten Teils der Sendung. Er zeigte, daß eine objektive, nicht vorgeformte Rezeption des Buchs in Deutschland nur erfolgen kann, wenn die Diskussion völlig neu einsetzt. C. C.