Heutzutage ist es selbstverständlich, Adenauer beim Boccia zu photographieren, Sorava an Maximilian Schells Schulter. Und zu einer Zeit, da 200 000 Mark für das Bild von Barbi Hennebergers Tod geboten werden, will es einem seltsam erscheinen, daß Dr. Erich Salomon, der Photograph dieses 1936 entstandenen Bildes von Sir Winston Churchill, ein „Roi des Indiscrets“ von Aristide Briand genannt wurde. Gewiß, wenn man Treffsicherheit und Sinn für das Typische taktlos nennt, so war Salomon der Meister dieser Gattung. Aber wie sollte man dann alle diejenigen nennen, die ohne Salomon heute nicht möglich wären, die die Methode adaptiert: haben, von der Technik dazu noch auf eine ungeheuerlich Weise unterstützt werden, aber denen das wichtigste Ingrediens Salomons mangelt: die Menschlichkeit. Salomons große Kunt war es, zu charakterisieren, ohne zu entlarven und bloßzustellen. Er hatte das Gespür eines Reporters und seine Pfiffigkeit. Aber er kam ohne das aus, was heute zum Handwerk oft dazu. zu gehören scheint: die Rücksichts- und Ehrfurchtslosigkeit.

Erich Salomon, Photograph par occasion (sein eigentliches Fach war die Juristerei), 1944 in Auschwitz vergast, nannte sich selbst in aller Bescheidenheit und mit allem Selbstbewußtsein einen Historiker und hat damit nicht nur sein eigenes Werk charakterisiert, sondern auch, im weitesten Sinn, die eigentliche Aufgabe der Photographie umrissen. Aus seinen nach Holland und England geretteten Photos hat sein Sohn Peter Hunter-Salomon zusammen mit Han de Vries einen Band zusammengestellt, der zurecht den Titel „Porträt einer Epoche“ trägt (Verlag Ullstein, Berlin; 240 S. mit 190 Abb., 48,– DM). Über die Jahre. 1928 bis 1936, über den Völkerbund, die Goldenen Zwanziger und die Weimarer Republik erfährt man hier mehr als aus manchem Geschichtsbuch. Petra Kiphoff