Ein Professor für Englische Literatur an der University of California entdeckte kürzlich ein Gedicht der englischen Königin Elisabeth I., das Jahrhunderte lang unbekannt geblieben war. Das in lateinischer Sprache verfaßte Gedicht ist nach Meinung seines Entdeckers Dr. James E. Phillips, der ein Spezialist ist für die Literatur der elisabethanischen Zeit – die Antwort auf ein anderes Gedicht, das dem deutschen Komponisten und Poeta Laureatus Paulus Melissus zuzuschreiben ist und das jener der Königin gewidmet hatte.

Daß Königin Elisabeth gute lateinische Verse zu verfassen wußte, war bekannt. „Sie wurde in dieser Sprache von einem Meister des Faches, nämlich Robert Ascham, unterrichtet und war in aller Welt bekannt wegen ihrer Fertigkeit in Schrift und Rede“, schrieb Dr. Phillips in einem der letzten Hefte der „Renaissance News“. Und weiter: „Alle ihre Biographen haben die besondere Freude der Königin erwähnt, mit der sie reagierte, wenn es galt, ihren großen Wortschatz und ihr Geschick in der Verwendung des Lateinischen unter Beweis zu stellen.“

George Puttenham, zeitgenössischer Kritiker der Königin und Autor der „Art of English Poesie“, meinte schon damals, daß die berühmte Königin „easily surmounteth all the rest that haue writte before her time since... wherein it shall please her Maiestie to employ her penne...“

In dem neuentdeckten Gedicht nun antwortet die Königin auf Melissus’ wohl nicht wörtlich zu nehmende Aufforderung, ihn als Sklaven anzunehmen („Ist Freiheit irgend jemandem so wertvoll, daß er sich weigern könnte, der edle Sklave einer solchen Herrscherin zu sein?“), indem sie sagt, daß sie, obwohl Königin, doch nur Dienerin des Dichters sei: „– Ihr seid ein Dichterfürst, ich hingegen Euch Untertan, da Ihr mich zum Thema Eurer zarten Verse machtet.“

An Melissus ehrlicher Bewunderung für die britische Königin kann, wie Dr. Phillips sagt, kein Zweifel sein. Seit seinem sechzehnten Lebensjahr hatte er Gedichte zu ihren Ehren geschrieben, und eine Audienz bei der Königin anläßlich seines Englandbesuches 1585 war der Höhepunkt seines Lebens.

Dr. Phillips nimmt jedoch an, daß das Interesse der Königin an Melissus nicht ganz unbeeinflußt von soliden politischen Interessen war. Er schreibt: „Einerseits ist es ziemlich wahrscheinlich, daß ihr Interesse an dem Dichter, zumindest teilweise, einer wirklichen Bewunderung für seine Kunst entsprang; andererseits ist auch anzunehmen, daß es nicht unabhängig war von ihrem politischen Wunsch, sich einem illustren Untertan und Abgesandten der deutschen protestantischen Fürsten gegenüber – die sie in einer antikatholischen Liga mit England gern vereint gesehen hätte – so huldvoll wie möglich zu zeigen.“

Dr. Phillips stieß auf das Gedicht während seiner Forschungsarbeiten über die literarischen Beziehungen Englands zum Kontinent im sechzehnten Jahrhundert. U. C.